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Ehrenamt-im-Strafvollzug

LAG - Info Nr. 83


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LAG-Info 83       Inhaltsverzeichnis

Auf ein Wort
Dank, Spenden, neue Mitglieder
Vorstand berichtete
Dank vom Vorstand
Vergelts Gott
Familie
- aus Sicht einer Ehrenamtlichen
- Ein Angebot für Angehörige
- Familiengruppe JVA Nürnberg
- Interview zum Thema Familie
- Wenn man eine Familie stützt . . .
- Leserbrief zum Thema Familie
- Vaterlose Gesellschaft
- aus Sicht eines Gefangenen
- Erfahrungen einer Angehörigen
- Familie - Justiz
- Familienseminar
- Heute ist Mama wieder lieb
- 16-28 meint
Augsburger Gespräche
Was ist Kriminalität?
Thome Newsletter, Gedicht
Gedicht eines Gefangenen
Kriseninterventionsteam
Regionen
- Ebrach
- Landsberg
- Bayreuth
- Erlangen
- Nürnberg
- Kempten
- Straubing
Leserbrief
Büchertipps
Filmtipp/DVD
Newsletter
Beitrittserklärung
Termine
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Auf ein Wort

Liebes Mitglied, liebe Leserin, lieber Leser!
Dieses Heft befasst sich mit einem vielseitigen Thema: Familie. Was ist Familie, was macht sie aus? Im Internet fand ich eine gute Definition: „Die Familie ist eine wichtige Säule in unserem Leben, sie bietet Schutz, Sicherheit, Geborgenheit und Liebe. Familien bieten soziale Räume für Wachstum, Entwicklung und soziale Kompetenzen.“
Soweit der Idealfall. Aber wie sieht es bei Familien aus, wo ein Mitglied ins Gefängnis kommt? Angehörige von Straftätern sind die vergessenen Opfer der Tat. Die Not der Angehörigen ist groß, wenn sie plötzlich damit konfrontiert werden, dass der Ehemann, der Bruder, der Sohn, der Vater, der Lebensgefährte eine Straftat begangen hat und ins Gefängnis muss. Auf einmal sind sie auf sich gestellt, müssen für den Lebensunterhalt aufkommen, sich mit den Behörden herumschlagen, sich alleine um die Kinder kümmern. Viele ziehen sich zurück und greifen zu Notlügen, auch gegenüber den Kindern: „Papa ist im Krankenhaus“, „Papa ist auf Montage“. Sie schämen sich und haben Angst, dass die Kinder gehänselt werden. Ich hatte einmal ein Gespräch mit einem Gefangenen, der mit seiner Familie in einem kleinen Dorf gewohnt hat. Als die anderen Bewohner von seiner Inhaftierung erfuhren, wurden seine Frau und seine Kinder wie Geächtete behandelt, sein Sohn in der Schule öfters verprügelt und die anderen Mädchen ließen seine Tochter nicht mitspielen. Sie sind schließlich in eine andere Stadt gezogen, in eine Stadt, wo sie keiner kannte.
Aber auch für den Gefangenen ist es nicht einfach. Mit dem Tag der Inhaftierung verliert er auf einen Schlag sein gewohntes Leben, seine Privatsphäre, seine Eigenständigkeit, seinen Besitz und den Kontakt zu seiner Familie. Von heute auf morgen sind sämtliche persönlichen Beziehungen abgehackt. Sie sorgen sich darum, wie es den Kindern, den Eltern, der Partnerin geht. Sie haben Angst davor, dass sie hier drinnen vergessen werden. Viele Beziehungen zerbrechen, vor allen Dingen bei langen Haftstrafen.
Dann ist der Ehrenamtliche in vielen Fällen der einzige Kontakt nach draußen. Wir versuchen ihn nicht nur als Täter zu sehen, sondern den Menschen mit all seiner Not und seiner Geschichte. Ihn als Person anzuerkennen, Zeit für ihn zu haben, ihm zuzuhören und ihm Mut zu machen. Das ist keine leichte Sache, aber sie lohnt sich und ist auch eine Art Opferschutz. Wie heißt es im Behandlungsauftrag: …soll den Gefangenen befähigen, künftig in sozialer Verantwortung eine Leben ohne Straftaten zu führen…

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen/uns viel Kraft und Einfühlungsvermögen für dieses wichtige Amt.

Gaby Buß

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Vorstand berichtet

17. 2. 2013 
Grundkurs in München im Bodelschwinghhaus für diverse JVA im süddeutschen Raum.

11. 3. 2013
Podiumsdiskussion u.a. mit der Bayerischen Staatsministerin der Justiz und für Verbraucherschutz Dr. Beate Merk, Irmgard Leicht (Weißer Ring) und Prof. Dr. Frank Arloth in Kempten. Thema: Inhaftierung, eine Chance zum Neubeginn? Wie geht es nach der Haftentlassung weiter für Täter und Opfer? Teilnehmer: Emil Wagner.

16. 3. 2013
Augsburger Gespräche (s. S. 41)

17. 4. 2013
Arbeitsgespräch im Justizministerium bei Ministerialrat Carsten Haferbeck. Herr Haferbeck sicherte uns seine Unterstützung sowie die von Dr. Walter Schön und Prof. Dr. Frank Arloth zu. Das Ministerium ist auch weiterhin daran interessiert, dass Grundkurse und weitere Arbeitsgespräche stattfinden. Teilnehmer: Gaby Buß.

23. 4. 2013
Die neue Leiterin der Straubinger Gruppe, Gabi Rudhart, hatte zu einem Besichtigungstermin im neuen Komplex der Sicherungsverwahrung eingeladen. 18 Ehrenamtliche, die in Straubing betreuen, folgten der Einladung. Rainer Riesinger, Bauleiter der neuen SV, und Frank Kagerbauer, Kontaktbeamter, führten durch die Baustelle, an der überall emsig gearbeitet wurde. Bis 31. Mai muss alles fertig werden. Vielen Dank an den Leiter der JVA Straubing, Matthias Konopka, der diese Besichtigung ermöglicht hat.

25. 4. 2013
Gruppenabend der Evangelischen Straffälligenhilfe in München. Teilnehmer: Anita Dick, Gaby Buß.

28. 4. 2013 Vorstandssitzung in München im Bodelschwinghhaus. Besprochen wurde u.a. der Ablauf der Mitgliederversammlung am 5. 10. 2013. Drei Jahre sind um. Es finden wieder Vorstandswahlen statt. Außer einer Nachrückerin stellt sich der gesamte Vorstand wieder zur Wahl. Thema war auch der Grundkurs, der für den 13. 10. 2013 in München geplant ist, und das LAG-Heft 84, Thema „Haftalltag“. Ebenso wurde über den Fortschritt der Vorbereitungen für die Straubinger Tagung im September gesprochen. Teilnehmer: Anita Dick, Marga Helms, Eva Bartylla, Emil Wagner, Norbert Merz, Gaby Buß.


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Dank vom Vorstand

Wer 2010 bei der Mitgliederversammlung anwesend war, weiß, wie schwierig sich die Wahl des Vorsitzenden gestaltete. Niemand wollte sich dafür zur Wahl stellen. Erst als von Auflösung des Vereins die Rede war, meldete sich Rudi Repges und sagte: Ich versuche es. Mit Hilfe von Norbert Merz wuchs er in diesen Posten hinein. Wie es seine Art war, steckte er all seine Kraft und sein Herzblut in diese Aufgabe. Bei den Straubinger Tagungen und auch bei den Grundkursen, die regen Zulauf hatten, hörten die Anwesenden gespannt seinen Berichten zu. Auch im Justizministerium war er ein gern gesehener Gesprächspartner (siehe auch nachfolgenden Brief von Herrn Krä). Für ihn war es wichtig, dass unser Ehrenamt eine Plattform hat, um gehört zu werden. Auch die Gewinnung und Unterstützung neuer ehrenamtlicher Betreuer für die Gefangenen war ihm ein großes Anliegen.
Am 20. Februar ist Herr Repges als Vorsitzender zurückgetreten. Diesem Rücktritt sind einige unschöne Differenzen mit Mitgliedern vorausgegangen. Schade, dass es soweit gekommen ist. Aber wir müssen den Rücktritt akzeptieren und nach vorne schauen.
Im Namen des Vorstandes bedanke ich mich bei Herrn Repges für sein großes Engagement, für die vielen Aufgaben, die er für den Verein, für die Mitglieder, aber vor allen Dingen für die Ehrenamtlichen und die Gefangenen geleistet hat.

Wir wünschen ihm für seine Betreuungen und sein persönliches Leben alles Gute.

Gaby Buß


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Vergelts Gott

vom Bayerischen Staatsministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

Als in den Jahren 2009 bis 2012 für die ehrenamtliche Mitarbeit im bayerischen Justizvollzug zuständiger Referatsleiter des Bayerischen Staatsministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz darf ich Herrn Rudolf Repges für seine Tätigkeit als Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft ehrenamtlicher Mitarbeiter im Strafvollzug Bayern e. V. ein herzliches "Vergelts Gott" sagen.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie die Mitglieder des Vereins in einer damals für die LAG äußerst schwierigen Situation Herrn Repges im Herbst 2010 zu ihrem Vorsitzenden gewählt haben. Herr Repges hat seinerzeit das "Steuerruder", um im Bild zu bleiben, in schwierigem Fahrwasser und bei rauer See übernommen. Dass die LAG unter seiner Führung wieder in ruhigere Gewässer eingefahren ist, verdient aus meiner Sicht höchste Anerkennung.

Aus der Zeit, in der Herr Repges als Vorsitzender der LAG und ich als zuständiger Referatsleiter gemeinsam Verantwortung für die Stärkung und Intensivierung der ehrenamtlichen Mitarbeit im bayerischen Justizvollzug getragen haben, erinnere ich mich an eine Vielzahl von - nicht immer einfachen - Gesprächen, die aber stets von beiderseitigem Interesse an der Sache und dem Willen zu praxistauglichen, dem Dienst an der Resozialisierung der Gefangenen verpflichteten Ergebnissen getragenen waren. Ich habe Herrn Repges dabei als in der Sache durchaus hartnäckigen, in Ton und Umgang aber stets angenehmen, äußerst kompetenten und kooperativen Gesprächspartner erlebt, als einen Ehrenamtlichen, der sich trotz der hohen zeitlichen Belastung engagiert in sein Amt und die ehrenamtliche Betreuung in verschiedenen Anstalten eingebracht hat und dabei stets das Herz auf dem rechten Fleck hatte.

Mit großem persönlichen Bedauern habe ich vernommen, dass er seine Aufgabe als Vorsitzender der LAG nicht mehr weiter wahrnehmen kann. Ich hoffe aber, dass er dem Ehrenamt im bayerischen Justizvollzug auch weiterhin ebenso wie der LAG eng verbunden bleiben wird und wünsche ihm persönlich von Herzen alles Gute.

Horst Krä
Ministerialrat, Bayerisches Staatsministerium der Justiz und für Verbraucherschutz.


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Familie - aus Sicht einer Ehrenamtlichen

Mein erstes Bild, das mir dazu einfällt, ist unser großer, ausziehbarer Tisch, rundum besetzt mit meiner Familie. Meine Familie ist groß, - das ist selten geworden -, erst recht, seit viele Enkelkinder geboren wurden und noch werden; mein Wunsch, zugegebenermaßen. Es ist ein befriedigendes Gefühl, daran nicht unbeteiligt gewesen zu sein.
Mein eigenes Elternhaus war sanft, zugleich straff, wir waren offen, ohne verletzend zu sein (oder beschönige ich das heute?). Erst jetzt, im Alter, empfinde ich Dankbarkeit dafür. Erst jetzt, wo meine Eltern nicht mehr leben, habe ich viele Fragen offen, unbeantwortet. Mittlerweile bin ich die Familienälteste, ich, die früher das Nesthäkchen war!
Viele Jahre sind seit dieser Zeit verstrichen, viele Jahre, die ich nicht unwesentlich mitbestimmt habe. Fehler, die ich in der Erziehung gemacht habe, sind deutlich angesprochen und ich hoffe, verziehen worden. Glücksmomente, und deren gab es viele, haben dazu beigetragen, dass sie immer alle kommen, um sich an dem großen Familientisch zu versammeln. Oder ists doch das träge Gefühl, sich an einen „gemachten Tisch“ zu setzen? Nein, eigentlich weiß ich es, es ist das tief verwurzelte Gefühl, eine Familie zu sein, die ihr Zusammengehörigkeitsgefühl auch dadurch ausdrückt.
Ich will auch nicht behaupten, dass es manchmal nicht heftige Diskussionen gibt. Dass sich eine(r) aus der Familie verletzt fühlt, sich ungerecht beurteilt, eine zu kleine Portion vom Nachtisch (oder vom Leben) ergattert zu haben, der Lieblingskuchen ist bereits aufgegessen, oder man hat beim Hähnchenschenkel zu spät „hier“ gerufen, als Beispiel. Auch ist der Lärmpegel so manches Mal gravierend laut, dass schwerlich der Gesprächspartner zu verstehen ist. Nicht immer ist alles Gesagte eitel Wonne, so dass erst im Nachhinein eine Diskussion im Geheimen stattfindet, weil einer (oder ich) sich missverstanden gefühlt hat. Diese Diskussion wird dann in der darauf folgenden schlaflosen Nacht mit sich selbst nachgeholt.
Aber all dies ist Familie, ein tiefes Gefühl der Zugehörigkeit, ein inneres Zurücklehnen und das Wissen, im Notfall jederzeit darauf zurückkommen zu können. Dieses Urvertrauen, das ich von meinem Elternhaus mitbekommen habe und das ich weitergeben durfte, ist durch nichts zu ersetzen. Keine Äußerlichkeit kann sich dem auch nur annähern.
Und davon kann ich ein wenig abgeben. Denn ich habe so viele Schicksale gehört, nämlich die Familienverhältnisse meiner zu betreuenden Gefangenen, dass ich gerne davon abgebe. Durch Zuwendung, durch Zuverlässigkeit, durch ein wenig Nähe, manchmal auch durch Strenge.
Ich maße mir nicht an, für sie eine Familie in Kurzform darzustellen. Ich habe auch überhaupt keine Intension, sie einer „christlichen Familie“ näherzuführen. Manches Mal kommt es mir aber so vor, als würde ich für kurze Zeit nur, in ihrem langen Lebenslauf, eine Spur „Familie“ hinterlassen. Der Umstand meines und deren Alters lässt diesen Schluss manchmal zu.
Und zurück: Ist wieder der Rummel um unseren Tisch turbulent und voller Emotionen, glaube ich, ganz einfach - das ist Familie, und so solls sein.

Eva Jung.

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Interview zum Thema Familie und Strafvollzug

Interview mit Michael Behnke, Leitender Regierungsdirektor und Leiter der JVA Erlangen zum Thema Familie und Strafvollzug.

LAG: Unser LAG-Info 83 haben wir unter das Motto „Familie“ gestellt. Die Stärkung und die Pflege der Familie steht nicht nur im Grundgesetz ganz oben, sondern wird auch in Ihrer Anstalt großgeschrieben. Als erstes fällt einem in einem der Besuchszimmer die Leseecke für Kinder auf. Daraus lässt sich unschwer erkennen, dass auch kleinere Kinder den Papa besuchen dürfen. Ein absolutes Highlight sind die Weihnachtsfeiern und die Hoffeste im Sommer. Nicht nur, dass Familien von der Oma bis zu den Kindern herzlich willkommene Gäste sind, nein, die Kinder werden vom Weihnachtsmann beschenkt oder im Sommer im Hof mit viel Spielgerät und Sportprogramm für die Kleinen betreut.
Welche weiteren familienfördernden Angebote pflegen Sie darüber hinaus noch in Ihrem Haus bzw. im Rahmen der therapeutischen Maßnahmen?
Behnke: Man muss zunächst feststellen, dass bei weitem nicht alle unsere Insassen noch über familiäre Kontakte verfügen. Besonders in diesem Zusammenhang sind wir ja den engagierten ehrenamtlichen Betreuern so dankbar, die hier im Rahmen des Möglichen Lücken schließen.
Sofern noch Kontakte bestehen, sind diese immer auch Gegenstand therapeutischer Auseinandersetzung. Es ist niemandem gedient, nur einer romantischen Vorstellung von „heiler Familie“ anzuhängen. Zwischen unseren Insassen, ihren Eltern, ihren Partnerinnen und ggf. auch ihren Kindern bestehen oft Vorgeschichten wechselseitiger Verletzungen und Enttäuschungen; die aktuelle Begegnung ist dann neben dem Erleben von Zusammengehörigkeit und der Freude über ein Wiedersehen auch von Vorbehalten, Vorwürfen und „alten Rechnungen“ geprägt. Im Sinne des Kindeswohls kann es im Ausnahmefall auch ratsam erscheinen, Kontakte nicht zu intensivieren.
Wenn Konflikte, aktuelle Spannungen oder Prozesse aus der Vergangenheit die Beziehungen überschatten, wird versucht, bei einer Klärung behilflich zu sein. Ziel ist zunächst, Spannungen aus den Beziehungen herauszunehmen, den Umgang miteinander konstruktiver, rücksichtsvoller und verständnisvoller zu gestalten und wenn möglich auch Prozesse von Versöhnung zu unterstützen. Hierzu erfolgen auch gemeinsame Gespräche von Insassen, Angehörigen und Mitarbeiter/innen. Auch bieten Mitarbeiter/innen den Angehörigen an, bei rein praktischen Fragen und eventuellen persönlichen Problemen ansprechbar und behilflich zu sein.
Werden Insassen und Angehörige in Bezug auf die Sicherheitsbelange der Anstalt für zuverlässig genug gehalten, bestehen über den gesetzlich vorgegebenen Mindestumfang hinaus relativ großzügige Besuchsmöglichkeiten. Angehörige können insofern relativ häufig Kontakt haben. Die von Ihnen eingangs genannten Großveranstaltungen stellen gewisse Highlights im Jahresverlauf dar, sind aber nur ein winziger Ausschnitt der tatsächlichen Begegnungsmöglichkeiten.
Wenn der Kontakt zu Kindern aufrechterhalten werden soll, die Angehörigen aber die finanziellen Mittel für Besuchsfahrten nicht haben, werden im Einzelfall Mittel des Gefangenenfürsorgevereins beigesteuert. Dies gilt auch, um den Vätern Weihnachtsgeschenke an ihre Kinder zu ermöglichen.
Bei der Ausgestaltung der Besuche werden die Insassen dabei unterstützt, die Angehörigen mit Kaffee und Kuchen zu bewirten und so eine möglichst „normale“ Besuchssituation zu gestalten. Die Ausstattung des Besucherraumes und das Vorhalten von Spielen für Kinder verschiedener Altersgruppen haben Sie ja bereits erwähnt.
Eine erste Lockerungsstufe für unsere Probanden besteht in Ausführungen zu Resozialisierungszwecken durch Anstaltspersonal. Dieser Rahmen wird immer wieder auch dazu genutzt, eine Begegnung mit Kindern außerhalb der Anstalt zu ermöglichen. In der Vorbereitung der Termine werden die Väter angehalten, kindgerechte Beschäftigungen für diese Stunden zu planen.
Weitere Lockerungsstufen sind später Ausgänge und Urlaube. Die Erfahrungen aus den Begegnungen mit den Angehörigen sind dann stets Gegenstand der therapeutischen Gespräche. Konflikte oder Differenzen werden mitunter erst mit zunehmendem Umfang der Kontakte (wieder) erlebt und können dann sinnvoll besprochen und im besten Falle auch gelöst werden. In solchen Phasen erweist sich der Kontakt unseres Personals zu den Angehörigen als besonders wichtig.
In Einzelfällen werden zusätzlich Kontakte zu Ehe- bzw. Erziehungsberatungsstellen hergestellt.
Sehr gute Erfahrungen bestehen auch mit den Langzeit-Familien-seminaren des Diakonischen Werkes. Wenn Familien die Voraussetzungen für die Teilnahme erfüllen, ermöglichen wir diese sehr gerne.

LAG: Welche dieser Aktivitäten könnten als Anregung, wenn auch in abgespeckter oder angepasster Form, für Ehrenamtliche in anderen bayrischen Vollzugsanstalten Pate stehen?
Behnke: Ich bin vorsichtig, aus der Situation der sozialtherapeutischen Anstalt heraus Vorschläge für andere Einrichtungen zu formulieren. Personelle und räumliche Gegebenheiten sind jeweils unterschiedlich, sodass manche Handhabung, die hier flexibel möglich ist, andernorts so nicht umsetzbar ist. Für ehrenamtlich tätige Betreuer könnte eine pauschale Anregung sein, Angehörige je nach Möglichkeit in die Begleitung der Insassen einzubeziehen, Kontakt zu halten und ein offenes Ohr auch für deren Anliegen und Sehnsüchte, aber auch Sorgen und Konflikte zu haben. Reintegration unserer Insassen dürfte dann besser gelingen, wenn Verantwortung für und Rücksicht auf ihre Angehörigen einen höheren Stellenwert erlangen als die Versatzstücke eines kriminogenen Lebensstils.

LAG: Welche Rückmeldungen haben Sie von betroffenen Gefangen bzw. von deren Angehörigen?
Behnke: Die Rückmeldungen sind so unterschiedlich wie die beteiligten Personen. Sie reichen von überdauernden Vorbehalten gegenüber der Institution oder Unzufriedenheit mit getroffenen Entscheidungen bis hin zu Dank für geleistete Unterstützung. Ganz besonders erfreulich sind Rückmeldungen von Partnerinnen die sinngemäß ausdrücken, „mein Partner hat sich verändert, wir gehen anders miteinander um und wir sind heute glücklich.“ Einen Vertrauensbeweis bringen auch jene Paare zum Ausdruck, die sich Jahre nach einer Entlassung in Krisensituationen an die früheren Betreuer wenden, um sich Unterstützung bei der Lösung der jeweiligen Probleme zu holen. Dies geschieht erfreulich oft, aber bei weitem nicht immer. Man sollte als Behandlungseinrichtung keine Wunder versprechen.

LAG: Mit welchen Komplikationen muss man bei all dem guten Willen immer wieder mal rechnen?
Behnke: Unsere Insassen sind eben auch Straftäter gewesen und manche von ihnen setzen Regelverstöße unterschiedlichen Umfangs auch in Haft fort. Angehörige lassen sich leider mitunter in derartige Machenschaften verwickeln. Meist geht es dabei um das Einbringen verbotener (z. B. Bargeld) oder auch strafbarer (z. B. Drogen) Dinge. Unbescholtene Eltern, Geschwister oder Ehefrauen sind bereits bei derartigem Schmuggel ertappt worden. Kinderwägen wurden als Verstecke zum Einbringen unerlaubter Gegenstände genutzt.
Man könnte durchaus umfangreichere und offener gestaltete Begegnungsmöglichkeiten für Familien anbieten, wenn nicht zugleich Sicherheitsbelange tangiert wären bzw. Kontrollen einen unverhältnismäßigen Personalaufwand erfordern würden. Sollte beispielsweise eines Tages unser Spielzeug im Besucherraum als Versteck zur Hinterlegung von Drogen missbraucht werden, müsste ich es abschaffen, obwohl es für die Ausgestaltung der Besuchssituation mit Kindern eine sehr positive Funktion hat.
Komplikationen ganz anderer Art treten auf, wenn Partnerschaften dann doch auseinandergehen. Unser Anliegen ist es dann, diese Phasen von Abschied, Trauer, Enttäuschung und Wut konstruktiv zu bewältigen und vernünftige Lösungen zum weiteren Umgang mit gemeinsamen Kindern zu erzielen. In solchen Situationen ist es durchaus auch ein Erfolg, wenn die erwachsenen Partner eine Trennung gestalten können, deren praktische Regelungen Kindern weiterhin gerecht werden.

LAG: Gäbe es weitere, zusätzliche Familienprogramme, die Sie gerne realisieren würden?
Behnke: Wir haben in meinem früheren Zuständigkeitsbereich gelegentlich Tagesausflüge für Familien mit Kindern organisiert. Dies ist damals bei den Teilnehmern gut angekommen, war allerdings auch sehr personalintensiv. Man könnte Vergleichbares auch hier erwägen, jedoch ist man diesbezüglich auch von der aktuellen Konstellation bezüglich familiärer Situation, Lockerungsstatus etc. abhängig. Das Projekt einer „Erziehungs-beratung“ für inhaftierte Väter unter Einbeziehung auch externer Stellen ist derzeit in Vorbereitung. Wir versuchen momentan, eine Kooperation mit geeigneten Beratungsstellen zu initiieren.
Grundsätzlich hätte man hier wahrscheinlich ein weites Feld für kreative Ideen. Man muss jedoch auch sagen, dass Insassen mit noch bestehenden Partnerschaften, die zugleich auch Kinder haben, in der absoluten Minderzahl sind und dass wir unsere Ressourcen durchaus auch für andere Gebiete (Schuldenregulierung, berufliche Förderung, Arbeitsvermittlung - um nur wenige zu nennen) benötigen, welche die große Mehrzahl der Inhaftierten betreffen.

LAG: Unabhängig von der Steilvorlage durch das Grundgesetz, wo liegen die Besonderheiten dieser familienzusammenführenden Förderung?
Behnke: Ich lasse den Aspekt beiseite, dass es auch Partner gibt, die nie wirklich zusammengepasst bzw. sich im schlechtesten Fall sogar geschadet haben, und wiederhole auch nicht die Statements bezüglich der gesellschaftspolitischen Bedeutung von Ehe und Familie. Partnerinnen und insbesondere Kinder unserer Insassen habe keine Straftaten begangen, leiden aber auf ihre Weise unter der Inhaftierung von Partner bzw. Vater. Deren Belastung im Rahmen des Möglichen zu minimieren, sollte Intention des Strafvollzuges, aber auch anderer Instanzen unserer Gesellschaft sein.
Aus unserem Anliegen von Rückfallvermeidung und Reintegration heraus sehen wir solide soziale Bindungen zudem als wichtigen Faktor für psychische Stabilität und Lebenszufriedenheit. Beides gilt als rückfallprotektiv und ist uns auch aus diesem Grund bedeutsam. Als weiterer Faktor kommt hinzu, dass Handeln auch von einer Werte-Instanz beeinflusst wird. Wenn es für einen früheren Straftäter ein wesentlicher und quasi emotional spürbarer Wert wird, seinem Kind, seiner Partnerin oder anderen Personen vergleichbare Situationen von Inhaftierung, Trennung und allen weiteren damit verbundenen Belastungen nicht ein weiteres Mal zumuten zu wollen, dann kann dies zu einem wesentlichen Anker in einem straffreien Leben werden.
Danke, Herr Behnke für das informative, interessante, anregende Interview.

Das Interview führte Norbert Merz, Redakteur der LAG-Info.


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Leserbrief zum Thema Familie

„Eine Familie kann nicht isoliert angesehen werden. Sie ist die kleinste bestehende Gemeinschaft in unserem menschlichen Dasein, der wichtigste Ausgangspunkt für ein gelingendes Leben.“
Diesen Satz habe ich in meinen früheren Aufzeichnungen gefunden, als ich mich während meiner ehrenamtlichen Tätigkeit auch mit den Familien der Gefangenen befasste. Ich habe mir dann oft Gedanken darüber gemacht, wie es mir selbst wohl ergangen wäre, wenn ich als Kind so wenig Schutz und Geborgenheit gefunden hätte wie der Großteil dieser Leute in den Gefängnissen. Doch hier verlieren sich meine Gedanken ins Leere - - -
Ich finde keine Antwort zu dieser Frage. Wie viel Liebe, Güte, Schutz und Geborgenheit braucht ein Mensch in seinen Lebensanfängen, um mit all den Anforderungen, Erwartungen, Widersprüchen, Gefahren, Ungerechtigkeiten, Menschlichkeiten und Veränderungen, mit all seinen Schwächen und Sehnsüchten im späteren Leben zurechtzukommen?
Wie ist Familie in ihrer ganzen Unbegrenztheit überhaupt zu erfassen? Wie ist Familie als winziger Kern, als Ursprung des Lebens, als das, was wir unsere Wurzeln nennen, zu begreifen? Mit Antworten sind wir alle sehr schnell bei der Hand. Mit Antworten aus Büchern, heiligen Schriften, aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, aus Erfahrungen, aus der Frage nach dem Sinn unseres Lebens, aus religiösen Motiven. Gewiss.
Doch auch wir als Gesellschaft sind eine Familie. Wir alle sind geprägt durch unsere Eltern und durch ihre Auffassung von Erziehung, Weltverständnis, Religion, Glauben oder Nichtglauben, durch ihr materialistisches Denken oder auch spirituelles Erfassen von den Geheimnissen des Lebens, Wegweiser in eine Welt der Aufgeklärtheit, Machbarkeit, aber auch der Irrtümer in vielfacher Weise.
Wie können wir den Gefangenen gerecht werden? Wie können wir helfen, sie aus ihren Zwängen, ihren inneren Nöten, fragwürdigen Denkweisen und festgefahrenen Ansichten zu befreien, um ihnen den Weg zu zeigen in eine Welt der Menschlichkeit, des Friedens und einer glücklichen Zukunft? Sodass auch sie zu unserer Familie gehören? Sich nicht ausgeschlossen fühlen und immer nur die Beobachteten bleiben, die unseren gutgemeinten und sicher auch notwendigen Anweisungen zu folgen haben?
Und wie beurteilen wir ihre Rückfälle? Rückfälle machen uns nicht nur traurig, sondern versetzen uns auch in Unmut und Zweifel, Abwehr und Unverständnis gegenüber straffällig gewordenen Menschen. Und wir wenden uns verletzt und enttäuscht von ihnen ab.
Mir ist es in den Anfängen meiner Tätigkeit genau so ergangen. Aber dann habe ich mich immer wieder gefragt, was der Grund dafür gewesen sein könnte. Vielleicht kann nicht jeder Gefangene allen Vorschlägen, die wir für ihn bereitlegen, in dieser Weise Folge leisten, wie wir es von ihm erwarten. Zu unstet war sein Leben, zu erfolglos und einsam, missachtet von unserer Gesellschaft und deren Denkweise und geringen Wertschätzung, sodass er zuerst unser Zuhören und unser Verständnis benötigt hätte, um mit all diesen Dingen zurechtzukommen.
Wir können ihm die Familie, die er sich gewünscht hätte, nicht ersetzen. Aber wir können ihm seine Zugehörigkeit zur „menschlichen Familie“ durch unser menschliches Verständnis spüren lassen und ihm die Hand geben, wenn wieder Schwierigkeiten auf ihn zukommen sollten, die er allein nicht meistern kann. Er soll wissen, dass unsere Türen für ihn nicht verschlossen sind. Wir sind keine Therapeuten. Wir sind Menschen, die sich auf gleicher Ebene begegnen wollen.

G. S.

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Familie - aus der Sicht eines jungen Gefangenen

Dies ist es, was ein 27 Jahre junger Mann zum Thema Familie zu sagen bzw. zu schreiben hat. Ich kenne ihn seit knapp zwei Jahren und halte fast genauso lange Briefkontakt mit ihm, da er kurz nach Betreuungsbeginn in eine JVA in Niedersachsen verlegt wurde. Er wird voraussichtlich noch mehr als zwei Jahre in Haft sein. Ich hatte ihn kennen gelernt, als der Kontakt mit der Familie ganz abgerissen war. In der Zwischenzeit konnte er diesen teilweise wieder aufbauen. Vielleicht auch dank der Möglichkeit, E-Mail-Kontakte zu pflegen, was in Niedersachsen möglich ist.

Was bedeutet Familie für mich?
In erster Linie ist Familie für mich der Ort der Geborgenheit, der Vertrauen vermitteln sollte. Was gibt mir Familie?
Meine Mutter und der Rest meiner Familie geben mir für die Zeit im Knast die Zuversicht, dass es draußen jemanden gibt, der auf mich wartet. Das gibt einem an den Abenden hier alleine das Gefühl, nicht allein zu sein oder vor allem gebraucht zu werden.

Was gebe ich meiner Familie?
Also, was ich meiner Familie genau geben kann, ist wirklich schwer zu beantworten. Aber ich versuche, ihnen das Gefühl der Zuversicht zu geben. Zuversicht, dass ich es mit ihrer Hilfe auch draußen wieder schaffe, ein geregeltes Leben zu führen.

Wer ist mir am wichtigsten?
Das ist für mich mittlerweile meine Mutter. Weil Sie trotz allem, was ich getan habe, hundertprozentig hinter mir steht und mich unterstützt, wo sie nur kann.

Wie stelle ich mir meine Familie in Zukunft vor?
Also, meine Vorstellung von Familie sieht in erster Linie das gegenseitige Vertrauen und das Füreinander-da-sein.

Wie habe ich meine Familie bisher erlebt?
Also, bisher hatte ich meine Familie leider nie so richtig wahrgenommen. Das heißt, sie war mir bisher egal,weil ich das Vertrauen und die Geborgenheit immer vermisst habe. Aber durch meine Haft und meine Arbeit an mir selbst hat sich in meiner Sicht einiges geändert, wofür ich sehr, sehr dankbar bin.

Eingereicht von Anita Dick


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Familienseminar - etwas für ganz Bayern

10 Tage reden, spielen, nachdenken und lernen in Rummelsberg

Das Familienseminar für Strafgefangene und deren Angehörige des Arbeitskreises Resozialisierung in Nürnberg

„Es ist schade, dass wir schon gehen müssen. Ich wäre gerne noch länger geblieben. Es war gaaaaanz toll. Das Schwimmbad, die Gruppe, einfach alles. Echt schade, dass wir gehen müssen“, schreibt die 11-jährige Mara am Sonntag vor der Abreise, und ihre Mutter ergänzt den Eintrag ins Tagebuch, „Der letzte Tag ist etwas hektisch. Koffer packen, schauen, ob alles eingepackt ist und man nichts vergessen hat. Aber so wird auch der baldige Abschied ein wenig erleichtert … Es war eine schöne Woche. Eine Wohltat für uns Frauen.“
Mit dem letzten Tag des Familienseminars geht es für alle Beteiligten zurück in ihren ganz persönlichen Alltag. Die Betreuer/-innen zu ihren Familien, die teilnehmenden Frauen und Kinder in ihr Zuhause und die Väter zurück in die Vollzugsanstalt. Ein Abschied mit vielen Tränen. 10 Tage vorher sind alle angereist. Jeder und jede aus seiner/ihrer eigenen Welt. Freitagmittag direkt nach dem letzten Schultag treffen sich alle im Tagungszentrum in Rummelsberg. Große Freude bei den Familien, wenn der Papa endlich aus dem Bus der Vollzugsanstalt steigt und Frau und Kinder in die Arme schließt. Dann die Begrüßung durch das betreuende Team und der Blick auf den Tagesplan, der deutlich macht, dass hier alles zeitlich und inhaltlich genau vorgegeben ist. Aber jetzt ist erst mal Zeit, mit der Familie Mittag zu essen, die Zimmer zu beziehen und einen ersten Spaziergang rund ums Haus zu machen. Nach dem Kaffee geht es auf zur „großen Bannmeile“. Die kleine Variante kennen die Familien schon vom Vortreffen-Wochenende. Nun wird ganz Rummelsberg umrundet und dabei auch ein Abstecher zu den kleinen Seen gemacht.
Nach dem Abendessen gibt es die Abendrunde, deren Ablauf auch bereits vom Vortreffen bekannt ist. Es werden Lieder gesungen und Ansagen für den nächsten Tag gemacht. Wenn die kleineren Kinder nach der „Gutenachtgeschichte“ ins Bett gebracht sind, beginnt der gemütliche Teil des Tages, der von den Eltern gerne noch für einen Spaziergang oder ein Glas Wein genutzt wird. Schon kommen die Betreuer/-innen von ihrer Teamsitzung, und der Tagesplan für den nächsten Tag wird geschrieben. Volles Programm mit Morgenrunde, Eltern- und Kindergruppen am Vormittag, Familiengruppen am Nachmittag und Abendrunde.
Die Teilnehmenden sehen, dass die Ankündigung im Vorfeld, hier geht es um Arbeit und nicht um reine Freizeit, wohl auch umgesetzt wird.
Pünktlich beginnt die Morgenrunde am nächsten Tag. Einige wenige brauchen am Anfang noch etwas mehr Zeit, bis die Kinder versorgt sind und die Morgentoilette beendet ist. Aber es spielt sich ein. Die Kinder haben großen Spaß beim Singen, und auch die Eltern merken nach und nach, dass da oft noch ganz verborgene Talente sind.
Für viele ist es anfangs nicht so leicht, sich auf die Vormittagsgruppen einzulassen. Manche kennen diese Form des „Arbeitens“ überhaupt nicht. Trotzdem gelingt es, alle in den Prozess mit einzubeziehen. Themen wie Partnerschaft, Familie, Vertrauen, Umgang mit Konflikten, Erziehung, Zukunftsplanung gehen oft sehr tief und erfordern ein gewachsenes Vertrauen in die Betreuer/-innen und in die Gruppe selbst. So sind im Tagebuch oft Sätze wie dieser zu lesen: „Die Gruppe heute war sehr interessant, aber auch schwierig“. Anfangs gelingt es einigen noch, den Vormittag vom restlichen Tagesgeschehen abzuspalten und die oft aufwühlenden Themen nicht mit in das Ferienidyll zu lassen. Später nützen fast alle Elternpaare, aber auch die Jugendlichen die Möglichkeit, ihre gewonnenen Erkenntnisse oder auch die Verunsicherungen außerhalb der Gruppen miteinander zu besprechen. Das ist eines der Hauptziele des Seminars: „Miteinander reden“.
Bereits beim Vortreffen haben v. a. die Väter festgestellt, dass die Familiennachmittage nicht nur so heißen, sondern sich auch ganz praktisch um die Familie drehen. Ob Sandkasten oder Outdoorspiele, wie „Spinnennetz“ und „Flugzeugabsturz“, die Freude der Kinder steht im Vordergrund, und die Eltern freuen sich mit.
Nach 10 Tagen in Rummelsberg hat sich bei den meisten Familien neben der Freude über das Zusammensein vieles getan. Sowohl in den Rückmeldungen bei den Abschlussgesprächen als auch in den Ergebnissen, die im Rahmen einer Erhebung für eine Diplomarbeit entstanden, tauchen immer wieder folgende Gesichtspunkte auf: „Wir reden viel mehr miteinander“, „Ich sehe meine Kinder jetzt ganz anders“, „früher hätte ich mich vor meinen Kindern nicht so zum Deppen gemacht“, „jetzt kann ich mit meinen Kindern über mich und auch meine Straftat reden“, „wir können hier Kraft für die Zukunft tanken“, „die Gespräche tun der Seele gut“.
15 Plätze gibt es für dieses Seminar. Angesprochen werden die nordbayerischen Anstalten Bayreuth, Amberg, Würzburg, Kaisheim, Erlangen und Nürnberg. Leider können oft nicht alle Plätze besetzt werden. Es finden sich nicht genügend „geeignete“ Familien. Dies hat sicher viele Gründe, ist aber trotzdem nicht zu verstehen. Bei etwa 8.500 Strafgefangenen in Bayern können wir davon ausgehen, dass etwa die Hälfte in mehr oder weniger gut funktionierenden Beziehungen leben und auch Kinder haben. Da allerdings 80 Prozent aller Gefangenen sehr kurz (halbes Jahr und weniger) einsitzen, reduziert sich die Anzahl natürlich.
Nachdem seit 2011 auch ein Seminar für den Süden Bayerns angeboten wird, geht es darum, 30 Gefangene mit Lebenspartner/-in und Kindern zu finden, die bereits Lockerungen (Ausgang und Urlaub) haben und deren Strafrest mindestens noch ein halbes Jahr beträgt.
Hier sind Seelsorger, Vollzugsbeamte, Fachdienste, die Vollzugsleitungen, aber auch das Ministerium gefordert, genau hinzusehen und möglichst vielen Familien eine Teilnahme zu ermöglichen.

„… Das Wichtigste aber ist, dass wir endlich wieder alle gemeinsam lachen, toben und Spaß haben durften. Was wir hier erlebten, werden wir immer als Schatz in unserem Herzen tragen.“

(aus dem Tagebuch des Familienseminars)


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16-28 meint

Familie, ein Wort, so vergänglich wie die Zeit!

Familie und Strafhaft, zwei Begriffe, die sich gegenseitig ausschließen wie Blüten und Hagel, wie Feuer und Wasser, wie Glas und Stein.
Kann ich, der ich einige Jahre hinter Mauern und Gittern verbracht habe, wirklich unbefangen darüber schreiben? Erwarten Sie, liebe Leser, nun ja keinen ausgewogenen Beitrag über dieses Thema von mir.
Familie, so wie ich sie verstehe, ist doch, soll doch, das Zusammenleben, auch das Zusammenstehen von Mann und Frau mit den Kindern, die Einheit von Eltern mit den Nachkommen sein. Auch Großeltern sind oft noch in einem solchen Familienverband eingebunden. Familie soll Liebe und Geborgenheit sein.
Und da kommt nun so ein zerstörerisches Ereignis wie Haft, Knast, Strafvollzug, oder wie man es immer nennen möchte, dazwischen. Peng! Aus! Nein, Familie und Knast, das passt nicht zusammen, das zerreißt alle Bande. Das sollte jedem Verheirateten klar sein, bevor er eine Straftat begeht.
Und es ist nicht nur die räumliche Trennung. Das aufkommende Misstrauen nagt an allen Ecken und Enden. Gut, ich bin voreingenommen, natürlich bin ich das! Denn, als ich meine Haftstrafe antrat, war ich verheiratet und wir hatten eine Tochter. Eine prima eingerichtete Wohnung, ein Auto und ein guter Arbeitsplatz rundeten das Bild ab.
Nach meiner Haftentlassung aber war ich geschieden und hatte nichts mehr, außer Schulden, auch Unterhaltsschulden. Unter den Gefangenen war ich bei weitem nicht der Einzige, dem es so erging: Familie weg, Schulden da.
Bei längeren Haftstrafen von Verheirateten ist eine Scheidung fast immer wahrscheinlich.
Ich mache keinen und niemanden anderen für meine damalige Lage verantwortlich. Es war alleine meine Schuld, ich hatte mich selber in diese Situation gebracht, ich hatte das Ende nicht bedacht.
Ein etwas ungewöhnlicher Prozessverlauf mit Verurteilung, Berufung und zweimaliger Revision machte die Lage nicht einfacher.
Man kann auch nicht sagen, dass eine Scheidung bei Häftlingen so ungewöhnlich ist. Vielleicht wird sie in Haft aber auch etwas überbewertet, das mag schon sein, das Empfinden ist zumindest etwas intensiver.
Unstrittig ist: Eine Scheidung bei Langstrafigen ist im Strafvollzug die Regel, trotz aller Bemühungen, das kaschieren zu wollen. Das ist nun mal so.
Auch in der heutigen Zeit ist der Strafvollzug, entgegen allen Neuerungen, trotz vieler Bemühungen, nicht in der Lage, eine längere Trennung von Eheleuten, mit all den Begleiterscheinungen zu überbrücken. Im Gegenteil, das Leben in unserer Gesellschaft stellt auch an die Frauen, denn sie sind es ja meist, die „draußen“ damit zurechtkommen müssen, ganz andere Anforderungen als früher.
Ebenso haben sich die Lebenseinstellungen der Frauen, auch ihre Hoffnungen und Wünsche an eine Partnerschaft gewaltig geändert. Wer will und kann es ihnen verdenken? Der Ehemann und Vater der Kinder im Knast ist bestimmt kein erstrebenswertes Lebensziel für eine Frau! Eine JVA kann, besser die Bediensteten einer JVA, können in Einzelfällen da und dort eingreifen und versuchen, zu vermitteln. Ein Zugeständnis, wie längere Besuchszeit für Eheleute und dergleichen mehr, ist nur Stückwerk für einige wenige.
Wie sich die Auflösung einer Familie vollzieht, welche Einwirkungen die Strafverbüßung darauf hat, sei Ihnen nun an meinem Beispiel geschildert. Das wurde von mir so erlebt, so habe ich es empfunden, andere Gefangene mögen auch andere Eindrücke haben. Bei einigen Grundkursen der LAG, bei denen ich meinen Vortrag: „Erleben der Haft“ halten durfte, habe ich auch diesen Haftabschnitt angesprochen. Ich wollte einfach, dass angehende Betreuer von Gefangenen auch diesen Sachverhalt bei „ihren“ Gefangenen nachvollziehen können.
Jetzt aber: Erleben der Haft, die Familie.
Wenn man „Familie“ sagt, meint man natürlich auch Mutter, Vater, Geschwister, Großeltern, Onkel und Tanten. Über diese Familie möchte ich jetzt aber nicht schreiben. Die Bindungen in solch einem Familienclan sind ganz anderer Natur als die in einer jungen Ehe.
Im Jugendstrafvollzug kann natürlich die Gewichtung eine andere sein, das habe ich aber nicht selber miterlebt, da könnte ich nur vom „Hörensagen“ erzählen. Ich werde hier nur über das Scheitern meiner Familie, meiner Ehe berichten. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass es eigentlich nur mein Scheitern ist. Der Rest der Familie scheint das gut überwunden zu haben.
Ich wurde gleich nach der Urteilsverkündung in Haft genommen, wie es so schön heißt: Von einer Minute auf die andere. Ganz so überraschend war das auch wieder nicht, bei diesem Strafmaß. Und doch ist die erste Nacht in einer Gefängniszelle ein unauslöschliches „Erlebnis“, diese Nacht vergisst du ein Leben lang nicht mehr. Die Gemütslage in dieser Situation ist derart verworren und skurril, sogar ausgewachsene Männer habe ich in ihrer Not nach Mutter und Vater rufen hören. Dieser erste Tag, die erste Nacht in einer Gefängniszelle haben auch mein weiteres Leben geprägt. Ich finde keine passenden Worte, meinen Zustand an diesem Tag zu beschreiben. Vielleicht: Vernichtend?! (Ist zu schwach!!)
Die Gedanken, besser das Chaos an Gedanken, diese Bruchstücke der Realität, kreisen natürlich auch um die Familie:
Was machen sie jetzt? Wo sind sie? Bei den Eltern, den Schwiegereltern, bei Oma und Opa? Die Tochter ist noch klein, hoffentlich bekommt sie nicht alles so richtig mit. Aber wie geht es jetzt meiner Frau?!
Wir wussten, dass ich eine Strafe erhalte, eine erhebliche Strafe. Dass es aber gleich Jahre sind -? Ich hatte auf „Bewährung“ gehofft.
Das Eingegliedertwerden in die Gemeinschaft der Gefangenen vollzieht sich in einer JVA nach eingespielten Regeln. Man weiß jetzt auch: Du lebst nicht mehr, du wirst gelebt, und das nur unter Aufsicht.
In der Folgezeit richtet man sich in der JVA auch mental ein. Jeder lernt eine ganz neue Lebensart kennen, der Zugang, wie der Neue genannt wird, muss lernen, in solch einer Situation mit sich und der neuen Umgebung zurechtzukommen. Der Neue muss zum Egoisten werden, sonst geht er unter und man spürt, ich verändere mich, ich muss mich verändern. Ein Klischee wird zur Wahrheit.
Hoffentlich bleibe ich für die Familie draußen der, der ich vorher war. Die Regeln und Gepflogenheiten einer JVA lernt man recht schnell, auch wie der Kontakt zu den Lieben daheim aufrecht erhalten werden kann, aber der ist mehr als nur dürftig!
Immer wieder hört man die Geschichte von den Soldaten im Krieg, die ja auch „nur“ schreiben konnten. Das schon, aber hinter denen stand das ganze Volk und sie hatten keine Schuld auf sich geladen. Die Frauen daheim wussten, dass ihre Männer einen Dienst für das Vaterland erbrachten und keine Strafe verbüßten. Das sind für eine Heimkehr ganz andere Voraussetzungen. In meinem Fall bestand unser Gedankenaustausch auch nur aus Briefen, meine Frau lehnte einen Besuch in der JVA strikt ab. Zur damaligen Zeit waren Umfang und Anzahl der Briefe noch beschränkt. Ich hatte die Erlaubnis, alle drei Wochen zu schreiben, auf Anstaltspapier mit einem Vermerk des kontrollierenden Beamten.
Für mich war es schon irgendwie irritierend, zu wissen, dass ein Außenstehender das liest, was sich Frau und Mann zu sagen haben. Wie belastend muss das erst für meine Frau gewesen sein.
Wie soll ich es sagen, im ersten Jahr war der Briefkontakt für meine Begriffe ziemlich gut, wir machten über unsere besondere Lage schon wieder Witze: „Unser Vorteil ist, dass wir uns gegenseitig nicht anschrein können.“ Ha ha.
Dennoch wurden nach Jahresfrist die Abstände zwischen ihren Briefen an mich immer länger. Auch die Inhalte wurden dünner und dünner. War es zu Beginn der Haft noch ein reger Gedankenaustausch von Wünschen, Hoffnungen und Empfindungen, so beschränkten sich die Mitteilungen jetzt nur noch auf das, was zu erledigen war und was noch an Arbeit zum Erhalt der Wohnung und zur Versorgung der Kleinen gemacht werden musste.
Du merkst von Brief zu Brief, dass die Gemeinsamkeiten langsam schwinden und verlöschen, aber du sitzt im Knast und kannst nichts, aber auch gar nichts machen. Beten? Ja, aber hilft das? Zellen „zerlegen“ schon eher! (Leider nicht zu empfehlen, da Hausstrafe!)
Aber könnte man in dieser für einen Strafgefangenen als aussichtslos zu empfindenden Lage mit einem kompetenten Menschen reden. – Pause. – Ja, das wäre es gewesen! War leider nicht im Angebot. Wen interessereit schon das seelische Leid eines Häftlings? Der ist ja selber schuld. Die Strafhaft in einer JVA verändert einen Menschen gewaltig, und das eben nicht zum Guten, sondern hauptsächlich in die andere Richtung. Wer kann denn in der Hierarchie einer JVA bestehen?
Der Schöngeist? Der Träumer? Der Weich – (Gut-)Herzige? Der Nachsichtige? Nein! Von all dem ist in einer JVA das Gegenteil gefragt, sonst gehst du unter. Einen längeren Knastaufenthalt ohne nennenswerte Schäden an Leib und Seele zu überstehen, ist fast, wenn nicht sogar ganz, unmöglich. Der „Mensch“ bleibt auf der Strecke, er muss sich „anpassen“(!) in dieser Subkultur, die von Staats wegen so gewollt ist.
Insider des Strafvollzugs, die das nicht wahrhaben wollen, sind entweder Ignoranten oder Schön-schwätzer oder beides zusammen.
Dass nun eine Veränderung in der Denkweise eines Gefangenen sich auch in den Briefen an seine Lieben widerspiegelt, ist doch wohl selbstverständlich. Für so manche Ehefrau entfremdet sich eben auch der Inhaftierte von Brief zu Brief immer mehr. Nur der arme Kerl im Knast merkt oft davon selber gar nichts. Für ihn ist die Verwandlung nicht wahrnehmbar.
Ich, der ich das schreibe, verfalle ja heute, nach 36 Jahren(!!) bei Stress-Situationen immer noch in Verhaltensweisen, die damals im Knast lebenswichtig und gesundheitserhaltend waren (zwei Worte, die durchaus wörtlich zu nehmen sind). Ich muss mich heute direkt zwingen, anders, gesitteter, zu reagieren.
Aus einem Brief erfuhr ich dann auch, dass sie mit Tochter und einer ihr bekannten Familie in den Sommerurlaub nach Italien fahren wird. Wie sollte ich da nun reagieren? Kann mir jemand von Ihnen, liebe Leser, sagen, wie ich da hätte handeln müssen / sollen / können? Instinktiv wusste ich, was das bedeutet, ich wollte es aber nicht wahrhaben. Was hätte ich damals mir selber sagen müssen? War ich zu feige dafür? Und bei allen Überlegungen die Tatsache, ich war ja im Knast. Diese lähmende Ohnmacht, das zum Nichts-machen-Können verdammt zu sein, ist eine Erfahrung, die mit unbändiger Verzweiflung einhergeht. Du weißt, dass alles den Bach runter geht, und du verrichtest im Knast nur eintönige Arbeit. Worin liegt der Sinn?! Strafhaft ist eben doch mehr als nur Freiheitsentzug.
Und nachts, wenn dann die Gedanken kommen, ja, dieses Nachdenken in der Dunkelheit... Du quälst dich förmlich selber mit Vorstellungen, du redest dir ein, dass es ja so sein könnte und hoffst, dass es nicht so ist (heute weiß ich, es war genau so!!) Und ob Sie es glauben oder nicht: Es tauchen farbige Bilder auf, vor denen man direkt erschrickt. Diese „Bilder der Nacht“ haben mich fast zum Wahnsinn getrieben, ich glaube, sie bleiben haften ein Leben lang. Angst steigt auf, begründet, unbegründet? Die Angst, die Unruhe, deine Begleiter in der nächsten Zeit: Steht meine Frau noch zu mir, hält meine Ehe? Und im Unterbewusstsein weißt du, die Entscheidung ist längst gefallen!
Und wieder ein Brief! Wer sagt es denn? Alles ok, warum hatte ich mir Sorgen gemacht! – Ja, das ist wieder meine Frau!! Dachte ich - !!!
Der letzte Satz dieses Briefes warf mich dann doch endgültig aus der Bahn: „Mitteilen muss ich dir noch, dass ich die Wohnung aufgebe und zu einem Bekannten ziehe, unsere Tochter mag Hans auch.“
Hans?! Wer ist Hans?? Und dann dieses „Auch“!
Inzwischen war es Winter (wieder Winter) geworden, für mich das zweite Weihnachten hinter Mauern, stand vor der Tür. Der letzte Brief von ihr war dann für sie wahrscheinlich nur noch Formsache und ganz knapp gehalten: „Du, es hat keinen Sinn mehr, ich reiche die Scheidung ein“.
Nur ein paar Worte auf Papier, aber welch gewaltige Aussage! Nein, nein, die Schuld lag nicht bei ihr. Aber trotzdem... Nun ist es endgültig aus. Eine Welt bricht zusammen. Du fühlst dich vernichtet und verraten. Dein Leben stürzt ein und du musst es bewältigen auf vier Schritte vor und wieder vier Schritte zurück.
Oder du kannst dein Empfinden wie ein Wolf durch die Gitterstäbe hinaus in die dunkle Nacht heulen! -! Am nächsten Morgen wunderst du dich, dass die Sonne doch wieder aufgeht. Und wie gesagt, Weihnachten stand vor der Tür. Ich darf gar nicht dran denken...
Nach einigen Wochen habe ich dann das Scheidungsurteil in die JVA zugestellt bekommen, damals galt noch das Schuldprinzip. Ende einer Ehe. Hans hatte gewonnen. Er war präsent, ich war im Knast, so einfach ist das. Das Nachgeplänkel um das Sorgerecht möchte ich nicht wiedergeben, es war so blamabel für mich, es war erniedrigend.
Ich hatte eine Familie, Frau und Kind, verloren und ich konnte nichts machen, kein Gespräch, kein Bitten, kein Drohen – nichts... Ich war ja im Gefängnis, eingesperrt auf 8 qm Grundfläche.
Man begreift allmählich die ganze Tragweite der Freiheitsstrafe. Wusste der Richter, dass so was noch auf mich zukommt? Ist das auch noch Teil der Strafe? Ich weiß wirklich nicht, welcher Teil der schlimmere war.
Und wenn nun jemand glaubt, so was härtet ab, der Gefangene wird/ist nun ein ganz abgebrühter Typ, so irrt er sich gewaltig. Jeder Schicksalsschlag, jedes Ereignis, macht den Gefangenen dünnhäutiger und empfindsamer. Eine Scheinfassade wird aufgebaut. Der coole, der lässige, der „macht mir nichts aus“–Gefangene, wird zur Schau gestellt, der er jetzt sein will, aber nicht ist. Und genau vor dieser Attrappe sitzt dann so mancher ehrenamtliche Betreuer und wundert sich...
Übrigens, Betreuer: Ich rate jedem Ehrenamtlichen ab, sich in einer Ehe vermittelnd einschalten zu wollen. Es werden Hoffnungen aufgebaut, Erwartungen machen sich breit, die allesamt zum Scheitern verurteilt sind. Wenn ein Partner nicht mehr will, kann ein Außenstehender überhaupt nichts bewirken. Lieber auf einen Neubeginn nach der Entlassung hinarbeiten.
Wenn ich eingangs sagte, im Gefängnis ist bei langstrafigen Verheirateten, eine Scheidung die Regel, so können Sie das nun bestimmt ein klein wenig nachvollziehen. Die Anstalten sind kaum in der Lage, zur Erhaltung der Ehen viel beizutragen. Bis bei Langstrafigen Vollzugslockerungen greifen, ist es meist schon zu spät für die Ehe.
Rückblickend auf die gesamte Familien-Situation während meiner Haftzeit muss ich sagen: Die Wunden sind verheilt, die Narben aber bleiben!
Die Bediensteten einer JVA wissen genau um das Dilemma einer Ehe im Gefängnis, während der Haftzeit.
Als der Kommandoführer, dem ich in der JVA unterstellt war, von meiner Scheidung erfuhr, hat er einige Sätze gesagt, die die ganze Misere aufzeigen, die aber auch beweisen, dass diese Leute im Strafvollzug eben nicht diese „Schließer“-„Aufseher“ oder „Wachteln“ sind, wie sie oft auch von den Medien abschlägig genannt werden. Der Beamte nahm mich zur Seite und meinte: „Glaub mir Bua, wir hier im Gefängnis können da gar nichts machen. Wir wissen auch, dass bei langen Haftstrafen zum Schluss nur noch die Mutter bleibt, die zu dir steht, wenn du noch eine hast. Das, was du jetzt erlebst, ist für dich schmerzlich und vielleicht auch unverständlich. Deine Liebsten haben sich von dir abgewendet, du hast keine Familie mehr. Aber sehe es jetzt mal so, nach deiner Entlassung bist du frei für eine neue, unbelastete Bindung. Und ich rate dir, setze sie nicht wieder aufs Spiel, denn die Schuld des Scheiterns lag jetzt eindeutig bei dir und nicht an der JVA.
Familie und Gefängnis passen eben nicht zueinander, das sind zwei ganz unterschiedliche Welten, zwei Lebensformen, wie sie gegensätzlicher nicht sein können.“ (Sinngemäß wiedergegeben,) Und er hatte recht!!
Eben diese Beamten sind es, die auch im Gefangenen noch den Mitmenschen sehen, ihm in seiner seelischen Not beistehen, ihn wieder aufbauen können für eine weitere Etappe im Strafvollzug, bis hin zum Strafende.
Für diese Worte nochmals ein „Vergelts Gott“ nach Bernau, Obb. Auch solche Erlebnisse haben 16-28 geprägt!!
Zu sagen bleibt noch, dass ich meine damalige Frau und meine Tochter seit der Verhaftung im Gerichtssaal nicht mehr wiedergesehen habe. Nach meiner Entlassung wurde der Unterhalt für meine Tochter bis zu ihrem Studiumsende über einen Anwalt abgewickelt.
Familie, ein Wort, so vergänglich wie die Zeit!

Euer / Ihr 16-28

Ps.: In jeder Anstalt gibt es Gefangene, die weder lesen noch schreiben können. Helft ihnen!


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Kempten

Handout zum Ehrenamtler-Treffen vom 27. 3. 2013
Schulische und berufliche Fortbildungsmöglichkeiten in der JVA

Herr Lattermann-Mailänder (Hauptschullehrer und Anstaltslehrer in der JVA Landsberg am Lech - Referat II L) stellte die schulischen und beruflichen Fortbildungsmöglichkeiten für die Inhaftierten vor. Dabei betonte er, wie sehr ihm und seinen Berufskollegen daran läge, die Wiedereingliederungschancen über die Bildung zu verbessern.
Bereits in der ersten Woche der Inhaftierung wird jeder Gefangene von einem Lehrer zu seiner bisherigen schulischen und beruflichen Bildung befragt und auf mögliche Fort- und Ausbildungen hingewiesen. Mit der VollzugsplanersteIlung (im ersten halben Jahr der Haft) und jeweils bei der Vollzugsplanfortschreibung (einmal jährlich) wird eine erneute Einschätzung notwendiger bzw. möglicher Fort- und Ausbildungen vorgenommen. Zu den Aufgaben der Vollzeit-Lehrkräfte gehören in der JVA Landsberg neben der schulischen und beruflichen Weiterbildung auch die Bereiche Freizeitgestaltung, Sport, Kultur und Bücherei.
Jedes Jahr wird ein Kurs für den Hauptschul- bzw. den qualifizierten Hauptschulabschluss angeboten. Der Inhaftierte muss sich bewerben, durchläuft einen Test und macht die Abschlussprüfung bei externen Lehrkräften einer Landsberger Hauptschule. Dadurch erhält der Inhaftierte ein Zeugnis der Landsberger Hauptschule. Ein Rückschluss darauf, dass der Abschluss im Gefängnis erlangt wurde, ist so nicht gegeben.
Auch wenn die nachfolgend aufgezeigten Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten, wie der Erwerb der „Mittleren Reife“, eines „Gymnasialen Abschlusses“ oder das „Telekolleg“ bzw. ein „Fernstudium“, nicht unmittelbar in der JVA Landsberg absolviert werden können, werden all diese Angebote von den Lehrern gefördert und begleitet. Evtl. ist das mit einer Verlegung in die JVA Bayreuth (Mittlere Reife) oder die JVA Würzburg (Fernstudium und Telekolleg), wo derzeit Studienabschlüsse via Internet in einem Pilotprojekt getestet werden, verbunden.
Während alle Teilnehmer den Hauptschulkurs erfolgreich beenden, ist das Interesse an der Mittleren Reife (2 Teilnehmer in 7 Jahren) und am gymnasialen Abschluss (1 Interessent in 7 Jahren) gering. Vergleichsweise höher ist die Teilnahme am Fernstudium.
An den berufsbezogenen Deutschkursen des BFZ (Berufsförderungs-zentrum) kann jeder interessierte Inhaftierte teilnehmen, der Probleme mit der deutschen Sprache hat. Die ausländerrechtliche Situation spielt als Teilnahmekriterium nur eine untergeordnete Rolle. Der Kurs ist gekoppelt mit einer niedrigschwelligen Lagerlogistikausbildung und dem Erwerb des Staplerscheins und von externen Lehrkräften des BFZ gehalten. Bis zu 40 Inhaftierte können kostenlos daran teilnehmen.
Aufgrund aktueller Erkenntnisse, dass immer mehr Inhaftierte nach der Entlassung den Beruf als Gebäudereiniger ausüben, wird zukünftig die JVA Lehrgänge zum Gebäudereiniger anbieten.
Eine Ausbildung in den JVA-eigenen Betrieben (Koch, Metzger, Bäcker, Schreiner, Maler, Maurer, KFZ-Mechatroniker und Elektriker) ist zurzeit aus Gründen der Vollzugslockerungs-Regelung nur sehr eingeschränkt möglich.
Ausbildung zum Teilezurichter/Zerspanungsmechaniker in der AußensteIle JVA Rothenfeld ist dafür bayernweit und damit für Teilnehmer aus allen bayerischen JVAen die zentrale Ausbildungsstelle. Die Umschulung zum Teilezurichter dauert ein knappes Jahr und die Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker dauert knapp 2 Jahre. Aufgrund der außergewöhnlichen Ausbildungssituation in Rothenfeld (5 Meister, kein Produktionsdruck, keine Ablenkung etc.) stellt Rothenfeld gewöhnlich die bayernweit Innungsbesten.
Inhaftierte, die vor ihrem Strafantritt bereits eine Ausbildung begonnen haben, haben die Möglichkeit, diese in der JVA abzuschließen. Hierzu muss geprüft werden, welche Prüfungen noch ausstehen und inwiefern diese abzulegen sind.
Die Agentur für Arbeit (AfA) schickt einmal monatlich einen Mitarbeiter in die JVA, um vor Ort Beratungsgespräche bzgl. Umschulungen und/ oder Ausbildungen durchführen zu können. Aber auch die für eine Bewilligung einer solchen Maßnahme notwendige Untersuchung durchzuführen.
Sport- und Freizeitmöglichkeiten, die in der JVA angeboten werden, reichen von Basteln mit Holz und Ton, Didgeridoo, Power Yoga, Schach, Ergometertraining, Tischtennis, Fußball, Badminton, Volleyball, Kraftsport, Basketball bis zum Lauftreff. Aber auch Kurse für Gebärdensprache, Französisch, Englisch, Spanisch, Deutsch und Italienisch sind im Angebot. Eine Besonderheit stellt die Ausbildung zum Fußballschiedsrichter (1x im Jahr) dar.
Begleitet werden die Angebote entweder von den Lehrern, den Sportbeamten oder den Schulbeamten, in der Halle oder auf dem Sportplatz mit Unterstützung von zwei Kollegen des allgemeinen Vollzugsdienstes. Interessant ist, dass die Sprachkurse von Inhaftierten für Inhaftierte angeboten werden.
Die Anstaltslehrer versuchen, kulturelle Veranstaltungen (Theater, Gesang, klassische Musik, Rock, Jazz) anzubieten, die sehr gut angenommen (im Schnitt zwischen 60 und 100 Inhaftierte) werden und pflegen eine ca. 18.000 Bücher umfassende Bibliothek aus den verschiedensten Fachrichtungen und in den verschiedensten Sprachen.


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Bayreuth

Neuer Vorsitzender nach 26 Jahren

Bericht von Eva Bartylla
Dr. Christian Bauer-Lampl löst Veit Braun an der Spitze des Vereins Kontakt ab Bayreuth (eba) Der neue Vorsitzende beim Verein Kontakt heißt Dr. Christian Bauer-Lampl. Er ist der Nachfolger von Veit Braun, der nach 26 Jahren seinen Abschied von der Spitze des Vereins nahm.
Braun ließ in seinem letzten Rechenschaftsbericht fast drei Jahrzehnte des seit 40 Jahren boomenden Vereins Revue passieren. Menschen aus den sozialen Randzonen der Gesellschaft hätten von jeher im Mittelpunkt gestanden. Inzwischen habe sich die Unterstützung auf psychisch kranke Menschen und Strafgefangene konzentriert. Seine Vorreiterstellung zur Durchsetzung neuer Methoden wie dem Einsatz von Methadon oder eines Eheseminars im Gefängnis habe der Verein all die Jahre hindurch behalten.
Christian Bauer-Lampl ist Diplom Ingenieur, promovierter Betriebswirt, Mitglied des Lions Clubs, Schöffe und hauptberuflich leitender Angestellter des Beamtenselbsthilfewerks „BSW Der Bonusclub“.
Helmut König, der Sprecher der Ehrenamtlichen in der Bayreuther JVA, listete detailliert die Aktivitäten der Sparte Gefangenenhilfe im Verein Kontakt auf. Rund 30 Frauen und Männer hätten circa 2400 Stunden freiwilligen Dienst am Mitmenschen geleistet bei den wöchentlichen Gruppengesprächen, den Eheseminaren oder Ausflügen. Der Kontaktbeamte in der Anstalt, Fritz Feulner, habe regelmäßig Fortbildungsseminare (siehe Bild) abgehalten. Zu Informationsabenden werden Richter, Sozialarbeiter oder Suchtberater eingeladen. Fünf der Ehrenamtlichen besuchen jährlich das Wochenendseminar in der Justizschule in Straubing.
Die Werbung für den Verein in dem anstaltseigenen Fernsehen sorge für reichhaltige Nachfrage, so König. Ein neuer Flyer wirbt in der Bevölkerung für den Nachwuchs bei den Ehrenamtlichen.
Für Gesprächsstoff sorgte auch die Baustelle einer neuen Wohngruppe für entlassene forensische Gefangene, die in der Nachbarschaft des vereinseigenen Hauses zur Gründung einer Bürgerinitiative geführt hat - gegen dieses Vorhaben.


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Kempten

Resozialisierung erstes Ziel des Strafvollzuges

„Inhaftierung eine Chance zum Neubeginn? Wie geht es nach der Haftentlassung weiter – für Täter und Opfer?“ Diesen Fragen ging ein hochrangig besetztes Podium im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal der Gaststätte Zum Stift in Kempten nach. Die Kreisverbände der Frauenunion Kempten, Oberallgäu und Unterallgäu hatten zur Podiumsdiskussion eingeladen.
In einem Impulsreferat zeigte die Bayerische Staatsministerin der Justiz und für Verbraucherschutz, Dr. Beate Merk, eindrücklich auf, dass das oberste Ziel während der Haft die Resozialisationsbemühungen seien. „Sie beginnen mit dem ersten Tag, an dem der Gefangene eingeliefert wird“, so die Ministerin. Dies sei erforderlich, um dem Straffälligen nach der Haft ein anderes Leben zu ermöglichen, aber auch, um weitere potentielle Opfer vor Verbrechen zu schützen. Sozialtherapien hätten nichts mit einem Kuschelkurs im Strafvollzug zu tun, sondern ermöglichten einen realistischen Neuansatz nach Verbüßung der Gefängnisstrafe.
Emil Wagner, erster Vorsitzender der Straffälligenhilfe Allgäu, bestätigte, dass im Strafvollzug die richtige Richtung eingeschlagen worden sei. Allerdings gäbe es noch zu wenig Hilfe für den Einzelfall. Wagner stellte den Zuhörern die Frage, ob sie einen ehemaligen Häftling in ihrer Firma einstellen oder ihm eine Wohnung vermieten würden.
Professor Dr. Frank Arloth, Ministerialdirigent und Vorsitzender des Bayerischen Landesverbands für Gefangenenfürsorge und Bewährungshilfe, erklärte, dass die Rückfallquote die ersten sechs Monate nach der Entlassung am höchsten sei. Hier sei es dringend notwendig, dem Entlassenen Perspektiven bei der Entschuldung, der Wohnungs- und Arbeitssuche aufzuzeigen.
Die Staatsministerin wies darauf hin, dass sich der Häftling im Gefängnis, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, in einer geregelten Tagesstruktur bewege. Diese Struktur gebe Sicherheit. Die Schwierigkeit bestehe darin, das Leben nach der Entlassung wieder selbst in die Hand zu nehmen.
Irmgard Leicht, die den Weißen Ring der Außenstelle Kempten vertrat, forderte mehr Bemühungen von Seiten des Staates für die Opfer ein. Sie erhielten oft viel zu wenig finanzielle Unterstützung, um ihre Traumata aufzuarbeiten. Sie stellte fest, dass die Zahl häuslicher und sexueller Gewaltopfer im vergangenen Jahr drastisch angestiegen sei. Dreißig Geschädigte hätten sich beim Weißen Ring gemeldet.
Die Moderatorin, Bezirksrätin Renate Deniffel, erläuterte, dass es bei Straffälligen lediglich 3% Risikoprobanden gäbe. 97% seien dagegen normale Strafgefangene. Arloth wartete mit konkreten Zahlen zum Erfolg des Strafvollzuges auf. 65%, also weit mehr als die Hälfte der erwachsenen Straffälligen, würden kein weiteres Mal inhaftiert.
Die Zuhörer stellten im Anschluss an die Kurzreferate viele Fragen. So wollten sie unter anderem wissen, warum die Verjährungsfrist bei Sexualstraftaten nicht angehoben werde. Ob Täter aus Klöstern genauso bestraft würden, wie normale Bürger und ob die Behauptung, dass Täter selber oft auch Opfer sind, stimme.
Außerdem wurde von Anwesenden darauf hingewiesen, dass vermehrt Präventionsmaßnahmen in den Familien notwendig seien, um gefährdete Jugendliche auf den richtigen Weg zu bringen. Ergänzend stellte Deniffel die Frage, wie man jemand resozialisieren wolle, der noch nie sozialisiert gewesen sei.
„Der Schutz der Bevölkerung hat Vorrang“, so Merk. Deshalb sei ein angemessenes Strafmaß unabdingbar. „Wir müssen jedoch auch den Inhaftierten die Hand reichen“.


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Vorstand berichtet


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Straubinger Tagung 2013

Freitag, 13. bis Sonntag, 15. September 2013
Justizvollzugsschule Straubing

 

Mitgliederversammlung 2013
mit Wahl des Vorstandes

Samstag, 5. Oktober 2013
Im Kloster St. Stephan,
Stephansplatz 6, Augsburg

 


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Nicht die Vollkommenen,
sondern die Unvollkommenen
brauchen unsere Liebe

Oscar Wilde          


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© LAG 2013-06-10