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Ehrenamt-im-Strafvollzug

LAG - Info Nr. 74


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LAG-Info 74       Inhaltsverzeichnis

Auf ein Wort
Spenden / Neumitglieder
Vorstand berichtet
Redaktionssitzung
Antrittsbesuch im JM
RS: Erstattung Fahrkosten
Trauer um zwei Engagierte
Seelsorger: Wilfried Lippe
Neuen Weg eingeschlagen
Kunst zum Staunen und Kaufen
Orientierung
Lebenslinien
- 1628 berichtet
- Presse zum Fall
- Entlassung von Moritz
- Quo vadis?
Übergangsmanagement (JM)
Augsburger Gespräche 2011
Übergangsmanagement (Matt)
Positionspapier Ü-Management
423 Jahre Gefängnis
Wirkfaktoren (Dr. Pecher)
Regionen
- München (Heidi Pfanzelt)
- Bernau (Violinkonzert)
- Bernau EXODUS-Rap
- Ebrach (Günther Grass)
- Straubing
- Kempten
- Erlangen (10 Jahre Uta und Oli)
- Landsberg
- Niederschönenfeld
- Bayreuth
Bücher
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Termine
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Auf ein Wort

Liebes Mitglied, liebe Leserin, lieber Leser!
In diesem Jahr wird uns die Thematik „Übergangsmanagement“, auch seitens des Justizministeriums noch eine Weile beschäftigen. Es wird auch hier nichts Neues erfunden, sondern die Koordination sollte verbessert werden. Viele Hilfseinrichtungen stehen zur Verfügung, Straffälligenhilfe, Hilfsorganisationen wie z. B. Diakonie, diese gilt es sehr zeitig mit einzubinden.
Was bedeutet „Übergang“? Im Wörterbuch stehen mehrere Begriffe dort; einige davon: Wechsel, Schattierung, Zwischenlösung. Ich persönlich sehe einen „Übergang“ zwischen zwei festen und stabilen Orten, vorübergehend etwas als Hilfsmittel zu benutzen und anzunehmen. Unser Proband begibt sich auf eine neue Reise, von einem geschlossenen geschützten System – wenn auch dort unfreiwillig - in ein offenes System. Hier stürmen alle Alltagsangelegenheiten auf ihn wieder ein. Orientierung – sich wieder zurechtfinden, am besten mit Hilfe eines Ehrenamtlichen, dem man vertraut. Wie der Kompass auf unserer Titelseite – Wegweisung! Ich persönlich sage hier eher Entlassvorbereitung dazu und je früher diese beginnt umso besser wäre es.
Ein wichtiger Schritt für Lockerungen ist der „Übergang“ in den offenen Vollzug. Wenn hier ein Ehrenamtlicher helfen kann, dann ist dies ein sehr guter Fortschritt. Allerdings ist in dieser Phase der Betreuung durchaus noch etwas Zeit mitzubringen. Je nach Inhaftierungsdauer benötigt der Proband Zeit, sich an Dinge wieder zu gewöhnen, Ämter, Bewerbungen und Vorstellungsgespräche etc., Alltagssituationen, die auch wir oft nicht ganz einfach empfinden – z. B. aus meinem Berufsalltag oft die Frage: Wie löse ich aus dem Automaten eine Fahrkarte?  Alles scheint kompliziert.
Für eine gute Zusammenarbeit zwischen hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern im Strafvollzug ist es für mich unabdingbar, den Ehrenamtlichen miteinzubeziehen in wichtige Entscheidungen oder Vorhaben. Ein zeitig angesetztes Entlassungsgespräch, z. B., runder Tisch mit Arbeitsagentur, Wohnungsstelle, Diakonie etc. hilft sehr in der Frage: Was ist noch zu tun, wer erledigt was? Wo hilft der Ehrenamtliche am besten? Eigentlich theoretisch einfach, in der Praxis hapert es dennoch!
Der Kompass zeigt die Richtung, der Ehrenamtliche kann begleiten, aber nicht alles erledigen. Sehr wichtig ist die Regelung der Unterkunft, hier entsteht hinter den Mauern psychischer Stress, dem gilt es entgegenzuwirken. Ein Gefühl, das wir alle sicher schon einmal gespürt haben – Angst, dies begleitet jeden Gefangenen, wenn die Zeit reif ist – Entlassungsangst! Diese kann sich sehr unterschiedlich auswirken: Cool, Verdrängen, Handlungshemmungen. Diese Angst gilt es zu nehmen.
Hierzu wünsche ich Ihnen immer gute Einfälle, denn es gibt keine Pauschaltipps, sondern zwei Menschen, der Gefangene und der Ehrenamtliche, lernen diese Zeit zu meistern! Manchmal gelingt es, manchmal gelingt es erst später!
Abschließend möchte ich Sie nochmal auf die Augsburger Gespräche hinweisen, die dieses Thema auch im Programm haben, 26. März 2011. Ich werde dort auch erstmals teilnehmen, bin neugierig und freue mich darauf  auch die Frühlingsluft zu schnuppern.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Rudi Repges

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Antrittsbesuch im Ministerium

Am 18. Januar 2011 besuchten Norbert Merz und ich, Herrn Ministerialdirigent Prof. Dr. Frank Arloth und Herrn Ministerialrat Horst Krä im Justizministerium in München. Das Gespräch fand in einer sehr angenehmen und offenen Atmosphäre statt.
Herr Prof. Dr. Arloth betonte gleich zu Beginn, dass er an der über Jahre hinweg guten Zusammenarbeit nicht nur interessiert ist, sondern dass diese wertvolle Mitarbeit für ihn sehr wichtige Ergänzung im Strafvollzug ist. Das Engagement der ehrenamtlichen Betreuerinnen und Betreuer wird er immer stützen und fördern. „Tragen Sie mir und Herrn Ministerialrat Krä, in dessen Aufgabenbereich die Belange der Ehrenamtlichen fallen, die Probleme vor und wir werden eine Lösung finden“, so die Aufforderung von Prof. Dr. Arloth, „ich freue mich auf ein gutes, vertrauensvolles Zusammenwirken.“
Hauptthemen, die wir für den ersten Besuch mitgebracht hatte, waren natürlich die aus mehreren JVAs kommenden Anfragen zur Fahrkostenerstattung. Hier, so das Ministerium, gibt es bereits klare Regeln, die wir im LAG-Info 74, Seite 10 veröffentlichen werden. Festgelegt sind 20 Cent pro gefahrenem Kilometer. Erwartet wird mehr Transparenz und Auskunft der fürs Jahr zur Verfügung stehenden Mittel. Daneben sollten aber auch die fallbezogenen und finanzierten Besuche, Ausgänge rechtzeitig kommuniziert werden.
Diese wichtige Angelegenheit wird Herr Arloth in der nächsten Anstaltsleitersitzung ansprechen.
Viel Gewicht haben wir auf unsere Grundkurse gelegt und die Erwartung, dass die LAG diese nach den festgelegten Richtlinien auch weiter ausrichten darf. Ein Wunsch von mir war, dass die Kontaktbeamten der einzelnen JVAs bei Bedarf und entsprechenden Interessenten fürs Ehrenamt die Inhalte des Grundkurs vermitteln bzw. von uns durchführen lässt. Nach Terminierung wird dieser dann vor Ort ausgerichtet. Die Grundkurse sehe ich als wichtiges Thema der LAG an, künftig neue Betreuer für ihre Aufgaben „fit zu machen".
Des Weiteren habe ich einen Betreuungsfall angesprochen, mit der Bitte, hier nochmals die Akte des Probanden anzusehen. Dies wurde auch sehr wohlwollend und mit Interesse notiert. Darüber habe ich mich besonders gefreut. Rückmeldung wurde zugesichert.
Nach den zwei Stunden war ich mehr als zufrieden über die Art, wie man uns empfangen hat, wie sich das Gespräch entwickelt hat. In einer vertrauten Art und Weise gab es nie Berührungsängste. Dazu trug natürlich Norbert Merz, der „Vater der LAG“ dabei.
Abschließend möchte ich erwähnen, dass Herr Prof. Arloth und Herr Ministerialrat Krä die LAG als wichtigen Mosaikstein ansehen, und das hat man gespürt. Die große Anerkennung für diesen ehrenamtlichen Dienst möchte ich an Sie alle, die Betreuerinnen und Betreuer, weitergeben. Beeindruckend, wie dies erkannt wird. Natürlich habe ich auch von meinen bisherigen Betreuungen aus der Praxis erzählt - es wurde aufmerksam zugehört.
Das LAG-Info-Heft wird im Ministerium aufmerksam gelesen, hier gab es für mich die Bestätigung für unser "Rotes". Über dieser Tatsache hat sich mein Herz aufgetan, weil die Gestaltung viel Aufmerksamkeit erfordert. Deshalb lohnt es sich, ganz besonders darauf zu achten, dass die Qualität bleibt.
Vereinbart wurde bei der Verabschiedung, dass man sich wiedersieht und ich für die LAG jederzeit mit Herrn Krä in Kontakt treten dürfte. Was will man mehr? Der Besuch war für mich mehr als eine Pflicht was auch meine Gesprächspartner äußerten.
Ein großes Dankeschön geht an Herrn Prof. Arloth und Herrn Ministerialrat Krä für ihr offenes Ohr für die Anliegen der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Strafvollzug.
Rudolf Repges

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Wir trauern um zwei engagierte Weggefährten

Ehemaliger Chef von Stadelheim ist tot

Der ehemalige Leiter der Justizvollzugsanstalt Stadelheim, Hans Herbert Moser, starb nach langer schwerer Krankheit im Alter von 61 Jahren. Bis zu seiner Pensionierung trug Moser zehn Jahre lang die Verantwortung für Bayerns größtes Gefängnis. Er hat den bayerischen Strafvollzug geprägt. Angeboten zur Betreuung und Behandlung Jugendlicher und junger Erwachsener unter den Gefangenen galt dabei seine besondere Aufmerksamkeit. Als „Überzeugungstäter“ hat sich der 61-Jährige einmal selbst bezeichnet: Nach Psychologie- und Jurastudium habe er im Gefängnis arbeiten wollen, weil er sich schon immer für die Psychologie des Verbrechens interessiert habe. Moser sei „ein guter Anstaltsleiter“ gewesen, bescheinigen ihm Insider. Sein Ansatz sei stets gewesen, den Gefangenen zu helfen. In seinen letzten Amtsjahren hatte Moser auch ein Großprojekt zu betreuen: Den Bau des neuen Frauen- und Jugendgefängnisses an der Stadelheimer Straße und den Umzug im Mai 2009.


Armin Stranninger hat uns am 11. Dezember 2010 für immer verlassen.

Für die Ehrenamtlichen der Justizvollzugsanstalt Straubing war Armin Stranninger als Kontaktbeamter über lange Jahre Berater, Begleiter und Ansprechpartner. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Straubinger Tagungen werden ihn als einen streitbaren Geist in Erinnerung behalten, der uns viel zu sagen hatte.
Aus seiner Feder stammt eine Abhandlung zum Thema „Nähe und Distanz“, die bei Grundseminaren als Begleitlektüre Verwendung findet. Vor vielen Jahren schaffte er mit dem Kinderschutzbund Straubing für die Kinder der Angehörigen, die Gefangene besuchen, aber die Kinder nicht in die JVA mitnehmen dürfen, die Möglichkeit einer fachkundigen Betreuung. Zum Start dieser so hilfreichen Einrichtung titelte die Straubinger Zeitung „Blauer Elefant hilft bei Resozialisierung“.
Auf die Frage, wie er die Anforderungen an die Ehrenamtlichen sieht, antwortete er: „Nicht der Draufgänger, nicht der aufopfernde Samariter ist gefragt, sondern der ganz normale Bürger, der mit beiden Beinen im Leben steht“, um dann fortzufahren: „Es gibt ein Leben ohne Straftaten, und das muss der Gefangene wieder lernen."
Danke Armin Stranninger!

Norbert Merz


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Gedanken zum Kompass aus der Sicht eines Gefangenenseelsorgers

Liebe Leserin und Leser,
auf der Titelseite dieser LAG-Info sehen Sie einen Kompass. Ein Kompass dient als Orientierungshilfe, um möglichst schnell und sicher an das gewünschte Ziel zu kommen.
Haben wir in unserem Leben grundlegende Ziele?
Vielfach ist es so, dass wir nur kurzfristige Pläne haben, Dinge die wir ermöglichen wollen. Aber einen Plan für unser Leben besitzen wir oft nicht. Das kann die Zufriedenheit sein oder das Glück, das ich mir wünsche. Für manche ist das Ziel des Lebens einfach erst einmal das Durchkommen oder das finanzielle Auskommen. Ich denke, da findet jeder für sich ganz persönliche Antworten.
Und wonach orientieren wir uns dann? Was zeigt uns den guten, den richtigen Weg zu unseren Zielen?
Manchmal ist es das Vorbild anderer Menschen; für manche ist es der christliche Glaube, der uns Orientierung gibt. Das kann ein Kompass sein, der uns bei Entscheidungen im Leben hilft.
Viele Menschen, die ich in der seelsorgerischen Arbeit in der Justizvollzugsanstalt betreue, haben die Erfahrung gemacht, dass ihr Lebensentwurf in Trümmern zerfallen ist. Hier im Gefängnis tun sich viele schwer, neue Ziele für das Leben zu formulieren. Durchkommen heißt erst einmal die Devise. Und dann sind kleine Hoffnungszeichen der Kompass für das zukünftige Leben. Es ist unsagbar wichtig, Menschen zu haben, die einem Inhaftierten beistehen und ihn - trotz allem - als Menschen akzeptieren. Angehörige und ehrenamtliche Mitarbeiter helfen als Kompass bei der Suche nach neuem Lebensmut und Orientierung. Dazu sind Besuche, Briefe und manchmal ein bisschen Unterstützung ganz wertvolle Gaben. Dafür bin ich ungeheuer dankbar.
Auch meine Aufgabe als Seelsorger sehe ich darin, den inhaftierten Männern bei der Suche nach einem neuen Weg, den sie gut gehen können, zu helfen. Natürlich ist der christliche Glaube dabei ein guter Kompass: die Gewissheit, dass Gott jedem eine neue Chance gibt (auch wenn wir Menschen dies oft anders sehen!) und dass wir alle von der Vergebung leben. Das kann und soll Mut machen, neu zum Leben zu finden, auch wenn etwas Furchtbares passiert ist.
Viele Männer bestätigen mir, dass sie erst hier im Gefängnis zum Nachdenken über ihr Leben und die Orientierung gekommen sind. Ich bin traurig, weil ich mir wünsche, dass dazu nicht erst diese Taten notwendig gewesen wären. Deshalb wünsche ich uns allen genug Zeit und Muße, über unser Leben nachzudenken, gute Ziele zu setzen und immer wieder einen Kompass zu finden, der einen guten Weg weist.
Ihr
Wilfried Lippe,
evangelischer Anstaltsseelsorger der JVA Straubing


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1628 berichtet:

Mein 1628 Beitrag: „Die Entlassung von Moritz“ stand vor 10 Jahren im Heft Nr. „35“ der LAG-Info.
Sein Name war eigentlich Max L. Er war einer der vielen, die ich von der Haft in die Freiheit begleitet habe, begleiten durfte.
Sein Leben nach der Entlassung aus Landsberg, wohin er zur Entlassungsvorbereitung verlegt worden war, gestaltete sich ungemein schwierig. Ich hatte das vor 10 Jahren in meinem Bericht schon vorausgesehen. Es gab Zeiten, da kam ich überhaupt nicht an ihn ran, er schottete sich direkt ab. Alkohol, Medikamente und das leidige Rauchen bei Atemwegproblemen taten das Ihre.
Was hätte ich noch tun können - müssen? Ich konnte nur meine Hilfe anbieten - mehr nicht. Max lebte sein Leben, seine Tat hat er nie verarbeitet, er lebte praktisch mit ihr, er lebte auch mit der Schuld, die er zu verdrängen versuchte.
Seine Heimat - und das sagte er immer wieder - waren die JVAs, das war der kleine Raum „Zelle“, in der er sich geborgen fühlte. Das mag ja für einen Außenstehenden nicht nachvollziehbar sein, „Fachleute" wissen aber, dass diese Einstellung bei langen Haftstrafen nicht ungewöhnlich ist. Nach 33 Jahren ununterbrochener Haft war er ja fast schon ein Teil der Justiz.
Nun ist Max gestorben - wo sonst als in Haft! Ich hoffe, dass ihn im Jenseits ein gnädiger Richter erwartet.
Lesen Sie meinen Beitrag von vor 10 Jahren und dann die letzte Story von Max, eine Story, die das Leben schrieb.
Ihr sehr nachdenklicher 16-28.

PS: Das Leben geht weiter.
In jeder JVA gibt es Gefangene, die weder lesen noch schreiben können, Helft ihnen! Jetzt!


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Die Entlassung von Moritz

Moritz, so will ich ihn nennen, Moritz hat, nach 33 Jahren, 54 Tagen und 11 Stunden am Stück, das Gefängnis verlassen. Seine lebenslange Freiheitsstrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Moritz war auch schon vor dieser Strafe in Haft, nicht gerade ein angenehmer „Zeitgenosse“, ist auch jetzt noch eigensinnig und rechthaberisch, so dass die lange Haftzeit keinen verwundern sollte. Diese Haft hat ihn zudem noch verbittert und eigenbrötlerisch gemacht. Moritz ist jetzt 66 Jahre alt, krank und allem Fremden gegenüber unsicher.
Ich kenne Moritz schon einige Jahre, er war bei uns in der JVA-Gruppe. Als nun feststand, dass Moritz am 13.12.1999 auf Bewährung entlassen werden sollte, habe ich mich auch aus diesem Grunde bereit erklärt, ihn auf dem Weg in die Freiheit zu begleiten. Auch hatte ich Sorge, dass in letzter Minute wieder etwas dazwischen kommt - wie vor zwei Jahren; Moritz hatte bei seinem Ausgang wenige Tage vor dem Entlassungstermin durch "erheblichen" Alkoholgenuss den Weg in die Freiheit zu "verhindern" gewusst. Neben einem hauptamtlichen Bewährungshelfer war auch noch ein ehemaliger Geschäftsführer einer Gefangenenhilfsorganisation für Moritz tätig. Wir wussten, was wir uns da für einen Riesen-Brocken aufgeladen hatten.
Am 13.12.1999 um 9.00 Uhr stand ich nun mit meinem Transporter vor der JVA, um Moritz mit seiner „Habe“ abzuholen. Seine Habe: Einige braune Kartons mit Büchern und Akten, auch Uraltkleidung, von der auf dem Entlassungsschein stand: „ausreichend“.
Ich bin bestimmt abgebrüht, und mich wirft nichts so schnell um. Wenn man aber so etwas sieht, berührt es einen doch ungemein: Ein Bündel Mensch, abgemagert bis zum „geht nicht mehr“, krank, in alten Klamotten, 66 Jahre alt, DM 548 Entlassungsgeld, ein paar Kartons mit Klebestreifen umwickelt. Mein erster Gedanke war: Die haben ihn entlassen, weil sie nicht die Last mit der Leiche haben wollten. Makaber zwar, aber durchaus zutreffend. Von 1966 bis 1999, ein Generationsalter lang, im Gefängnis, und das ist nun das Produkt - erbärmlich. Ist Moritz nun gebessert? Oder war es nur Strafe für seine Tat? War es die Rache der Gesellschaft? Oder alles zusammen? Eins weiß ich: Moritz ist kein Mensch mehr wie du und ich, Moritz ist zerbrochen!
Zwischensatz: In einer Schreibpause war ich eben bei Moritz, um ein paar Daten zu erfragen. „Grüße an alle.“
Wie gesagt, ich habe Moritz von der JVA abgeholt, und wir fuhren in eine Großstadt. Unser „Geschäftsführer“ hatte dort in einer Wohngruppe eine Bleibe auf Zeit für Moritz gefunden. Wie oben schon gesagt, ist man von Ereignissen und Anblicken manchmal sehr betroffen. Ich bin nun in einer Zwickmühle. Diese Bleibe wird von einem Verein unterhalten, mit dem auch ich mit meinem „Heimatverein“ verbunden bin. Eines muss mir aber erlaubt sein: Leute dieses Vereins, für den Bauzustand des Hauses könnt Ihr nichts, aber für die Sauberkeit der Räume und für die in Euren Büros, die kann man von Euch verlangen. Ich habe mich für Euch geschämt! Das sagte ich Euch ja bereits.
In dieser Bleibe hat nun Moritz einige Wochen zugebracht. Da er ja mittellos war und auch dem Arbeitsmarkt auf Grund seines Alters nicht mehr zur Verfügung steht, ist in unserer Stadt für seinen Unterhalt das Senioren- und Stiftungsamt zuständig. Obwohl Moritz zusammen fast 40 Jahre in den verschiedenen JVA gearbeitet hat, erhä
lt er aus dieser Zeit DM 0,- (in Worten: Null) Rente. Nur 300 Mark Rentenanspruch aus seiner Jugendzeit sind sein gesamtes Einkommen. „Selber schuld“, wie manche meinen. Das bringt uns keinen Schritt weiter. Für Ehrenamtliche, die ältere Gefangene betreuen, ist das ja nichts Neues. Wenn ich mir vorstelle, dass mir ja auch 10 Jahre Versicherungszeit fehlen, wird mir auch nicht gerade wohler.
Was macht man mit einem Menschen, 66 Jahre alt, krank, 33 Jahre Knast in den Knochen, DM 548 Entlassungsgeld, einige alte Klamotten im Karton, aber eine übergroße Erwartungshaltung, 10 Tage vor dem Heiligen Abend? Keine Verwandten, keine Bekannten, kein soziales Umfeld, wie man so schön sagt, im Schrank (welchen Schrank eigentlich?) fehlen die nötigsten Dinge des täglichen Lebens. Von uns Helfern wurde Moritz mit gebrauchten Wintersachen halbwegs gut ausgestattet. Die DM 548 wurden zudem noch für die ersten Tage beim Lebensunterhalt angerechnet.
Muss ein entlassener Strafgefangener nach so langer Haft zum Almosenempfänger werden? Ich war mit Moritz bei verschiedenen Stellen, um Beihilfe bei der Haftentlassung zu bekommen. Alle beriefen sich auf die DM 548 Entlassungsgeld (das muss ja für Behörden eine unvorstellbar hohe Summe sein) und auf die schon beantragte Sozialhilfe, weitere Zuschüsse sind nicht vorgesehen. Eine Dame meinte sogar, dass Moritz ja rauche und sich Kaffee kaufe, was zusätzlich Geld koste. Ich meinte dann nur, dass er zu allem Überfluss auch noch esse und trinke!! Ich meinte nicht, dass Moritz unbedingt rauchen muss, nur, im Knast konnte er sich das leisten - und in „Freiheit“?
Mit Hickhack hier und Stress dort haben wir das alte Jahrhundert doch noch mehr oder weniger mit vielen Gesprächen und weniger guten Erfahrungen hinter uns gelassen. Der Zeitaufwand war enorm.
Die Bemühungen um eine kleine Wohnung für Moritz waren dann doch schwieriger als erwartet. Wohnungen suchen und finden waren nicht das Problem, Moritz war es! Er hatte sich in der Wohngruppe "eingerichtet", so gut es ging, und wollte nun nicht schon wieder eine Veränderung. Er hatte wohl auch etwas Angst, allein in einer Wohnung zu leben, für sich selber voll verantwortlich zu sein. Es bedurfte schon einigen Drucks von uns, Moritz für eigene vier Wände zu begeistern.
Wenn ich nun genau aufschreiben müsste, was es bedeutet, für einen entlassenen Mörder, der über 33 Jahre im Knast war, eine Wohnung zu besorgen - es würde ein Buch. Unserem Geschäftsführer und dem Bewährungshelfer ist es dann doch gelungen, eine passende Wohnung zu finden. Passend heißt: Moritz musste sie zusagen. Wir wollten ihn ja nicht in irgend ein Loch abschieben. Dem Senioren- und Stiftungsamt musste sie recht sein, nach Preis und Lage, denn die müssen die Miete bezahlen. Und dem Vermieter muss Moritz recht sein oder sagen wir besser „egal“ sein.
Gut, die Wohnung war es: Wohnküche, Schlafzimmer, Bad, im zweiten Stock zwar, für seine Krankheit (Treppen steigen) nicht gerade ideal, aber immerhin. Mit der Einrichtung für die Wohnung hatten wir viel Glück: Ein Freund von mir ist ins Seniorenheim gezogen und hatte nun Möbel übrig. Wir konnten aus dem Vollen schöpfen. Die Sachen in die neue Wohnung schaffen, war dann doch wieder nicht so einfach. Wie immer sind junge Leute nicht „greifbar“, wenn es um Arbeit geht. So haben wir drei älteren Herren, mein Freund Werner 85 Jahre, Moritz 66 Jahre und ich 61 Jahre (zusammen 212 Jahre), die Möbel in Moritz‘ Wohnung gebracht: Raus aus Werners Haus, rein ins Auto, zur neuen Wohnung, runter vom Auto, rauf in die Wohnung - fertig. Wir auch! Da Werner auch noch Geschirr, Bilder, Spiegel und andere Sachen hatte, ist nun Moritz mit dem versorgt, was man haben muss.
Nach über 33 Jahren hat Moritz nun wieder eine eigene Wohnung. Er sagt, dass er ganz zufrieden ist, mit sich und der Welt. Schön langsam baut sich auch ein neuer Bekanntenkreis auf. Die Amtsärztin hat ihm auf Grund seiner Krankheit ein Telefon zugesprochen (O-Ton von ihr: „33 Jahre Gefängnis ist unmenschlich“), Rundfunk- und Fernsehgebühren werden teilweise erlassen und noch einiges mehr.
Bei allen guten Ansätzen und Aussichten wird Moritz aber auf Dauer ein Betreuungsfall bleiben. Er wird es nie mehr schaffen, mit unvorhersehbaren Ereignissen selber fertig zu werden, ein Ansprechpartner muss immer verfügbar sein. In seiner ganzen Denkweise und in seinem Verhalten hat der Knast mit seinen abartigen Strukturen doch tiefe Spuren hinterlassen. Bei kürzeren Strafen (3-8 Jahre) wird für den Entlassenen die Strafzeit langsam zur „Erinnerung“ und verblasst dann gänzlich. Für Moritz bleibt die Haft „Gegenwart“, und das noch für lange Zeit. Er ist zwar in Freiheit, aber richtig frei ist er nicht.
P.S.: Ich schreibe nicht gegen den Strafvollzug oder gegen eine JVA. Straflänge und Entlassungsart nehme ich so, wie sie sind. In diesem Bericht geht es nur um Moritz und wie ich ihn sehe - jetzt - als Mensch, dem ich helfen will, ich, der ich selber über 7 Jahre in Haft war.

Ihr 16 28


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Übergangsmanagement (JM)

Nachfolgend wird aus einem Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz vom 29. Juli 2010 zitiert:
Zitat: Das Konzept des bayerischen Justizvollzugs für eine erfolgreiche Resozialisierung der Gefangenen geht von dem Grundsatz aus: die Vorbereitung der Entlassung der Gefangenen beginnt bereits am ersten Tag der Inhaftierung . Die Behandlungsuntersuchung, die Erstellung und Fortentwicklung des Vollzugsplans sowie das Übergangsmanagement in der Phase der Entlassung sind daher integrale Bestandteile eines Gesamtprozesses, in dessen Mittelpunkt die Durchführung von vollzuglichen Behandlungsmaßnahmen steht. Die Erfahrungen zeigen, dass die durch Behandlungsmaßnahmen während der Inhaftierung erreichten Erfolge ebenso wie die erzielte Stabilisierung der Gefangenen nicht selten in erheblichem Maße gefährdet sind, wenn das stützende Korsett des Vollzugs mit der Entlassung wegfällt. Vor diesem Hintergrund kommt im bayerischen Strafvollzug dem Übergangsmanagement im Sinne einer Übergangsbegleitung und Hilfestellung bei der Anbindung an die nach der Entlassung für die Gefangenen zuständigen Stellen eine Schlüsselfunktion zu. Übergangsmanagement setzt eine enge Kooperation zwischen der Justizvollzugsanstalt und vollzugsexternen Stellen voraus. Deshalb ist in Art. 175 Abs. 2 BayStVollzG geregelt, dass die Anstalten mit Behörden, Verbänden der freien Wohlfahrtspflege, Vereinen und Personen, deren Einfluss die Eingliederung der Gefangenen fördern kann, eng zusammenarbeiten.
Übergangsmanagement, d. h. Planung, Einleitung, Vermittlung und Durchführung von (Re-)lntegrationsmaßnahmen für zur Entlassung anstehende Gefangene, insbesondere die strukturierte Verknüpfung und Verzahnung von Behandlungsmaßnahmen des Vollzugs mit Hilfsangeboten und Maßnahmen der nach der Entlassung für die Betroffenen zuständigen Stellen, stellt den Justizvollzug vor große Herausforderungen. Es liegt nahe, für die in vielen Fällen ähnlich gelagerten Fragen und Problemstellungen (...) mit dem Übergangsmanagement Empfehlungen zu entwickeln, die auf die Gegebenheiten der jeweiligen Anstalten zugeschnittene Lösungsmöglichkeiten und Handreichungen anbieten.
(...) laufende oder geplante Projekte des Übergangsmanagements, insbesondere Maßnahmen und Konzepte bayerischer Justizvollzugsanstalten, gilt es zu sichten, zusammenzustellen, auszuwerten und die gewonnenen Erkenntnisse im Sinne von "best practice" für die Vollzugspraxis im Rahmen von Empfehlungen nutzbar zu machen und gegebenenfalls zu optimieren.


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München - Heidi Pfanzelt

Achtung, Achtung: Heidi Pfanzelt ist im Ruhestand!

Ein recht persönlicher, offener Brief an meine (unsere) Mitstreiterin der Straffälligenhilfe München.
Liebe Heidi,
eigentlich muss ich „Ehemalige“ schreiben, denn Du hast uns verlassen. Ein wenig fühlen wir uns auch so, wir, Deine ehrenamtliche Gruppe, der Du so viele Jahre (ich glaube zu wissen: ca. 23 Jahre) wertvolle Treue gehalten hast.
Deine (Ver-)Dienste, die Du in diesen langen Jahren all den Gefangenen und nicht zuletzt auch uns erwiesen hast, sind, ich muss es deutlich sagen, manchmal einfach genial gewesen! Deine unorthodoxe Hilfe, die Du Deinen Schützlingen hast angedeihen lassen, waren oftmals nicht zu toppen. Deine unkonventionelle Kraft, die von Dir ausgeht, ist für mich vorbildhaft - ich bin ehrlich, ich könnte mich nicht so intensiv einbringen-, also bleibst Du für mich unerreicht.
Du hast mit feiner, doch „Raum schaffender“ Stimme auf Missstände hingewiesen, hast Dich nicht beirren lassen, wenn der Kern Deines Anliegens unabsichtlich oder absichtlich nicht verstanden wurde. Du hast Deinen zu Recht hervorgebrachten Kritiken Taten folgen lassen, die nicht nur im Bereich der Straffälligenhilfe, sondern auch für die LAG von essentieller Bedeutung waren. Dein elegantes Äußeres ließ nicht immer gleich Dein sehr wohl pragmatisches „Unter die Arme greifen“ erkennen, was sicher für Gefangene als auch für uns, Deine Kolleginnen und Kollegen, eine Wohltat war. Deine Versprechen hast Du nachhaltig wahr gemacht - selten geworden!
Ich habe Dich nie launisch, unsachlich oder verletzend in unserer Gruppe erlebt, sondern immer mit frischen Ideen, logisch denkend, Lösungen findend, hilfreich allen gegenüber, positiv eingestellt, Andersdenkenden Raum lassend, freundlich zugewandt, und.., und.., und… erlebt. Ich muss aufhören, man könnte meinen, ich übertreibe. Aber das stimmt nicht, jeder, der dich kennt, weiß, dass ich Recht habe.
Dass Du Dich nun ein wenig zur Ruhe setzen möchtest (ich glaubs nicht!), ist verständlich, für uns aber ein herber Verlust. Was heißen soll: wir wollen es nicht glauben! Dein Mann und Deine schnurrenden vierbeinigen Lieblinge haben nun Deine Kraft voll auf ihrer Seite. Ein bisschen neidisch könnte man da schon werden!
Ich mache mir nun doch schon ein paar Jährchen in der Straffälligenhilfe zu schaffen, aber es ist für mich ein Fakt, dass Du als Vorbild mir immer gedient hast. Habe ich doch schon Dieter wirklich verloren, so bin ich glücklich darüber, dass ich Dich immer noch an meiner Seite habe, wir uns weiterhin sehen werden, wir zusammen mit Dir Konzerte besuchen dürfen und Deinen Rat einholen können.
Ganz einfach: bleib so wie Du bist und danke für Deine Zeit mit uns!
Eva

(Und nun noch ein ganz persönlicher Nachsatz: meine Enkel trinken besonders gern Dein „Glitzerwasser“ mit den Rosenquarzsteinen!)

Beitrag zum LAG Heft von Eva Jung-Kramer, Würmtalstr. 144, 81375 München


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Bernau

Violinklänge zum Gottesdienst in der JVA Bernau
Musica Deum delectat, duriciam cordis resolvit, voluntatem malam revocat, homines letificat. Musik erfreut Gott, löst die Härte des Herzens, vertreibt die böse Absicht, erfreut die Menschen. So beschrieb der Niederländer Johannes Färber im 15. Jh. einige der erstaunlichen Wirkungen der Musik. Man möchte hinzufügen: Sie überwindet und durchdringt Mauem, sogar Gefängnismauern.
So hatte ich - im "Nebenamt" praktizierender Musiker (Geige, Klavier und Orgel) - die Ehre und das besondere Erlebnis, am Gründonnerstag des Jahres 2010 zum Gottesdienst in der Vollzugsanstalt Bernau auf der Orgel und der Violine zu spielen. Im Hauptamt bin ich Jurist und Leiter der Polizeiausbildung an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in Bayern. Dort werden an den Standorten Fürstenfeldbruck und Sulzbach-Rosenberg die Polizeikommissare ausgebildet. Normalerweise hält sich die Polizei zunächst daran, Straftäter einzubuchten, und betrachtet sich weiterer Zuständigkeiten enthoben.
Auch der Jurist herkömmlicher Ausbildung macht wohl um die Bereiche Strafvollzug einen größeren Bogen. Allenfalls hat er noch einige abstrakte Theorien über Sinn und Zweck der Strafe undeutlich im Gedächtnis (Abschreckung, Verteidigung von Recht und Gesellschaft, Resozialisierung bis hin zu Vergeltung oder Sühne usw.). Aber "die Welt hinter Gittern" bleibt ihm wie Otto Normalverbraucher eigentlich fremd. So hielt ich den Gedanken für faszinierend, einmal einen, wenn auch kurzen Blick in diese so ganz eigene Welt zu werfen. Eine gewisse Schwellen- oder Berührungsangst gedachte ich durch das Medium Musik zu überwinden, ein Medium, das auf jeden Menschen unmittelbar einwirken kann, und - siehe die einleitenden Sätze des Johann Färber - geradezu eine unerschöpfliche, kostbare Ressource für alle menschlichen Befremdlichkeiten darstellt, ein Allheilmittel für jegliche Leiden.
Wie kam es nun zu diesem kleinen "Kirchenkonzert" im Knast? Frau Brunhild Rollner, ehrenamtliche Gefangenenbetreuerin und langjährige Freundin der Familie, stellte den Kontakt zum Anstaltsleiter Christian Engert her. Herr Engert ist ebenfalls Jurist und ausgebildeter Sänger mit einer wohlklingenden Bariton-Stimme.
Kurzum, es war für mich ein erhebender Abend, den Gottesdienst, bei dem in vielfältiger Weise von verschiedenen Arten des Abschiednehmens (am Beispiel Christi von seinen Jüngern angesichts seines Leidensweges und seiner Kreuzigung), aber auch von Schuld und Sühne die Rede war, mit Musik begleiten zu dürfen. Was mich am meisten erstaunt hat, dass sich die Teilnehmer und Häftlinge von den durchaus nicht alltäglichen Klängen der Solostücke "einfangen" ließen, die Johann Sebastian Bach oder auch Georg Philipp Telemann für die Violine geschrieben haben. Sie zählen keinesfalls als eingängige Musik, wenn man sich aber auf sie einlässt, kann man ihre unglaubliche Tiefe erfahren.
So war es für mich eine unvergessliche Erfahrung, auch über diese Musik mit einzelnen Gefangenen, von denen ich ja keinerlei Vorleben kannte, näher in Kontakt und ins Gespräch zu kommen. So hörte mir ein älterer Mann, in dessen Gesicht das Leben seine tiefen Spuren eingegraben hatte, aufmerksam zu, als ich ihm über die Aufführungstechnik zu Zeiten des alten Bach erzählte. Ein anderer meinte zu meinem Erstaunen, er habe schon lange keine Geige mehr in der Hand gehabt. Ich drückte ihm mein Instrument aus Cremona in die Hand, und er spielte ziemlich sauber und mit Ton eine kurze Passage aus einem barocken Violinkonzert!
Was alles diese Herrschaften angestellt haben mochten, wie sehr sie, aus welchen Verhältnissen und durch welche Umstände auch immer sie auf "die schiefe Bahn" geraten waren, es spielte in diesem Augenblick keine Rolle. Besonders angerührt war ich von der so ganz besonderen Situation dieses Gottesdienstes, der von den Häftlingen mit besonderer Hingabe und Inbrunst gestaltet wurde. Über den Beifall, der mir zuteil wurde, habe ich mich ebenfalls wie selten gefreut.
Alles in allem keine routinemäßige Episode in meinem musikalischen Leben, das mir zu den Belastungen meines Berufs oftmals Zeit und Möglichkeit zum Durchatmen gewährt, sondern Stunden, die ich so schnell nicht vergessen werde..

Hermann Vogelsang


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Straubing

Hoffnung und Freude hinter Gittern

Gospelchor in der Justizvollzugsanstalt Straubing
Es gab ein ergreifendes Highlight im Alltag der Bewohner der JVA: „Hope und Joy“, der bayerische Vertreter beim Grand Prix der Chöre 2008. Er war der Einladung des evangelischen Gefängnisseelsorgers Wilfried Lippe gefolgt und sie bescherten den knapp 100 Inhaftierten einen bewegenden Vormittag.
Auch die stellvertretende Anstaltsleiterin Anja Ellinger ließ sich diesen besonderen Gottesdienst nicht entgehen.
Ab dem Lied „Oh happy day“ war der Bann gebrochen und die Zuhörer begleiteten den Chor taktvoll klatschend. Mit „Standing Ovations“, gefordert von den Zuhören, erhielten sie mehrere Zugaben.
Ermöglicht wurde der Auftritt durch Vermittlung von Michaela Höfer, die nicht nur Mitglied des Chores ist, sondern auch ehrenamtliche Mitarbeiterin der JVA und Mitglied der LAG.
Michaela hatte Ihren Auftritt als Chormitglied und Solistin.
Norbert Merz


„Der Empfang“

Leitender Regierungsdirektor Matthias Konopka hatte die Ehrenamtlichen zum 30. Januar 2011 in den Musiksaal der JVA Straubing eingeladen, um die hervorragend geleistete Arbeit zu würdigen und Dank zu sagen.
Neben der Möglichkeit, mit den Verantwortlichen ins Gespräch zu kommen, gab es zwei sehr interessante Referate.
Zum Thema Sicherungsverwahrung referierte Clemens Schmid, Regierungsrat und Abteilungsleiter für Sicherungsverwahrung in der JVA Straubing. In diesem Zusammenhang war natürlich das Urteil des Europäischen Gerichtshofs und damit verbunden die Auswirkung auf die Situation in Straubing von größtem Interesse. Ein hochbrisanter und nicht ganz einfacher Problemkreis, über den auch in Hinblick auf betreuerische Aktivitäten noch nachgedacht werden muss. Zum Thema Sicherheit sprach Markus Dendorfer, Inspektor im JVD, der über die praktische Arbeit im Vollzug berichtete und aufzeigte, welche Schwierigkeiten im geordneten Zusammenleben innerhalb einer Justizvollzugsanstalt entstehen können. Mit diversen Exponaten aus der Asservatenkammer konnte er das eindrucksvoll darstellen. Selbstverständlich waren auch die beiden Kontaktpersonen, Frank Kagerbauer und Wilfried Lippe, mit von der Partie. Außerdem stellte sich die neue stellvertretende Leiterin der JVA vor.
Norbert Merz


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Kempten

Rückblick Grundlagenkurs Kempten
Straffälligenhilfe sucht Unterstützer
Am Wochenende findet ein Seminar zur ehrenamtlichen Arbeit hinter Gittern statt in Kempten. Ehrenamtliches Engagement ist an und für sich längst in das gesellschaftliche Alltagsleben integriert. Freiwillige Hilfe „hinter Gittern" für Straftäter ist zumindest in Kempten vom Alltäglichen noch weit entfernt. Und das, obwohl der Verein „Straffälligenhilfe Allgäu" bereits seit 1988 aktiv ist. Nun sucht der Verein neue Mitarbeiter und veranstaltet deshalb am kommenden Wochenende, 8. und 9. Oktober, ein Grundlagenseminar für ehrenamtliche Mitarbeiter.
"Wir benötigen dringend neue Mitarbeiter, die bereit sind, sich mit ihrer Lebenserfahrung vorurteilsfrei in eine verantwortungsvolle ehrenamtliche Aufgabe innerhalb des Vereins einzubringen", erläuterte Vereinsvorsitzender Emil Wagner. Das kostenlose Seminar am kommenden Wochenende vermittle einen sehr weitgehenden und guten Eindruck ehrenamtlicher Tätigkeit im Strafvollzug, so Wagner weiter. Das Seminar beginnt am Freitag, 8. Oktober, um 19 Uhr in den Räumen der Evangelisch Freikirchlichen Gemeinde Kempten in der Unteren Eicherstraße. Am Samstag, 9. Oktober, dauert die Veranstaltung von 9 bis 16.30 Uhr.
"Wir bemühen uns, vorhandene Lücken in der Betreuung von Straffälligen und deren Angehörigen zu schließen", betont Vorsitzender Wagner. „Dazu begegnen wir während der Haft und nach der Entlassung dem Personenkreis, um ein erneutes Abgleiten in weitere Straffälligkeit möglichst vorzubeugen.“
Montags bis donnerstags sind die Aktiven der Straffälligenhilfe Allgäu abwechselnd in der JVA Kempten vertreten. Deutschunterricht, Schachspiel und Gruppenarbeiten sind mittlerweile regelmäßige Einrichtungen geworden. „In den Sprechstunden geht es häufig um Anfragen auf Arbeit und Wohnung", berichtet Marianne Wagner, die die Gruppenarbeit öfter inhaltlich vorbereitet.
Bereits seit fünf Jahren stellt der KREISBOTE Kempten wöchentlich 25 Exemplare der Wochenzeitung zur Verfügung, damit die Gefangenen der Kemptener JVA sich selbst bei potenziellen Vermietern und Arbeitgebern in der Region bewerben können.
„Das ist die beste Hilfe zur Selbsthilfe“, frohlockt Peter Bentele, einer derjenigen ehrenamtlichen Allgäuer Helfer, die Woche für Woche den Kemptener KREISBOTEN zur JVA draußen im Stadtteil Bühl transportieren.
Kb


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Erlangen (10 Jahre Uta und Oli)

Wochenendseminar in Ebrach
Ehrenamtliche der JVA Erlangen trafen sich im November 2010 im Trainingscenter der JVA Ebrach zu einem Wochenendseminar.
Freitag: Anreise; Zeit zum Kennenlernen und einem ersten Erfahrungsaustausch.
Samstag: Tagesablauf in der JVA - aus Sicht des Gefangenen, aus Sicht des allgemeines Vollzugsdienstes und aus Sicht des Fachdienstes.
Die nächsten Programmpunkte waren: Kurze Einführung in das Therapieprogramm der JVA Erlangen; Schwierige Situationen im Betreuungsverhältnis, z.B. Regeln, Auflagen; Duzen oder Siezen; Umgang mit Geld; wie verhalte ich mich, wenn ...; Kontakt zu Angehörigen?
Sonntag: Ausklang, Reflexion, Ideen für das nächste Treffen, für ein nächstes Seminare
Es war interessante und für alle eine begeisternde Veranstaltung.
Norbert Merz


Zehn Jahre engagierte Begleitung der Ehrenamtlichen
Seit zehn Jahren begleiten, beraten, informieren, trainieren Uta Trüben und Oli Bischof die Ehrenamtlichen der JVA Erlangen.
„Viel Zeit und Geduld (siehe obiges Beispiel „Wochenendseminar in Ebrach“) haben sie geopfert, um uns für unser Engagement fit zu machen“, stellte ein Ehrenamtlicher fest.
Die Frage nach einem Steckbrief förderte sehr interessante Lebenslinien ans Licht.
Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der JVA Erlangen sagen den beiden: danke! Norbert Merz,
ehrenamtlicher Mitarbeiter der JVA Erlangen


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Landsberg

Regelmäßiger Erfahrungs-austausch Im Jahr 2010 fanden in der JVA Landsberg am Lech vier Treffen statt. Im Januar, April, Juli und Oktober trafen sich die Ehrenamtler/innen mit Frau Knupfer und Frau Strop und besprachen die Themen „Aufnahme in der JVA – die erste Zeit in der Haft“, „Die sozialtherapeutische Abteilung für Sexualstraftäter“, „Das soziale Kompetenztraining“ und „Entlassungsvorbereitung".
Mit einem gemütlichen, vorweihnachtlichen Beisammensitzen im Dezember und als Dankeschön für unsere Betreuerinnen und Betreuer, zu dem unsere Anstaltsleiterin Frau Groß wieder gerne eingeladen hatte, klang das Jahr aus. Mittlerweile hat sich ein fester Stamm interessierter Teilnehmerinnen und Teilnehmer geformt. Unsere Treffen sind bereits „Selbstläufer“, die sowohl den Durchführenden als auch den Teilnehmenden sichtlich viel Spaß bereiten.
Karin Knupfer
Kontaktbeamtin


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Niederschönenfeld

Scharnier zwischen Gefängnis und Gesellschaft

Lob für Arbeit der Ehrenamtlichen in der Justizvollzugsanstalt Niederschönenfeld
Niederschönenfeld (sta)  Zum alljährlichen Treffen der ehrenamtlichen Mitarbeiter lud kürzlich die Justizvollzugsanstalt (JVA) Niederschönenfeld ein. Die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen bietet die JVA seit 17 Jahren regelmäßig an. Die Feier fand im Mehrzweckraum der alten Schule statt.
Der stellvertretende Anstaltsleiter, Regierungsdirektor Ernst Meier-Lämmermann, begrüßte 16 ehrenamtliche Helfer. Er würdigte deren großes Engagement und deren Einsatz bei der Betreuung der Strafgefangenen. Er sprach dem freiwilligen Dienst hinter Gittern die Bedeutung eines „Scharniers zwischen Gefängnis und Gesellschaft“ zu.
Der Ansprechpartner für die Ehrenamtlichen in der JVA, Oberamtsrat Werner Stapf, gedachte in seiner Ansprache des früheren Anstaltsleiters Hans-Herbert Moser, der im September 2010 an den Folgen einer schweren Krankheit im Alter von 61 Jahren verstarb. Herr Moser war vor vielen Jahren der Initiator der mittlerweile zur Tradition gewordenen Jahrestreffen der Ehrenamtlichen. Des Weiteren erinnerte Werner Stapf an den ehemaligen Leiter der Evangelischen Straffälligenhilfe in München, Herrn Wolf-Dieter Fenzl, der im November 2009 verstarb. Herr Fenzl kümmerte sich um die Kontaktvermittlung zwischen den Gefangenen und den ehrenamtlichen Helfern.
Derzeit sind in Niederschönenfeld 16 Privatpersonen, 6 Angehörige von Wohlfahrtsverbänden sowie 8 türkische Staatsangehörige der Muslimgemeinde Donauwörth-Bäumenheim zugelassen. Im Vergleich zu den letzten Jahren ist die Anzahl der Zulassungen geringfügig rückläufig.
Im Rahmen der kleinen Landesgartenschau in Rain am Lech präsentierte sich die JVA mit den Ehrenamtlichen im Sommer 2009. Für dieses Mitwirken der Ehrenamtlichen bedankte sich der Ansprechpartner.
Die bayerische Justizvollzugsschule in Straubing bot wieder eine Fortbildungsveranstaltung für die ehrenamtlichen Mitarbeiter an, an der 2 Personen aus Niederschönenfeld teilnahmen.
Die Organisation des gelungenen Abends oblag in bewährter Form Werner Stapf. Für das leibliche Wohl sorgten die Vollzugsbeamten Hubert Hörmann und Harald Berres in Zusammenarbeit mit der Anstaltsküche.
Bei Interesse an einer ehrenamtlichen Mitarbeit gibt Werner Stapf Auskunft


Vorbild für alle

MR Plan-Sozialpreis
Ehrenamtliches Wirken unseres Mitgliedes (LAG), Martin Gropp, wurde gewürdigt.
Da zu sein! „Das klingt ziemlich einfach“, sagt Gerd Horseling, stellvertretender Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen. Da zu sein für Menschen in einer besonders schwierigen Phase ihres Lebens, da zu sein in einer Zeit, in der junge Straftäter keinerlei Lobby hätten und in der Präventionsarbeit unabdingbar sei, da zu sein in einer Zeit, in der scheinbar nur Eigennutz im Vordergrund steht, ist für Horseling aber etwas Besonderes. Martin Gropp aus Tapfheim lebe das bürgerschaftliche Engagement, sei eine Ausnahme, ein Vorbild, „weil er für andere da ist“. Seit Ende der 1990er Jahre betreue Gropp ehrenamtlich Suchtkranke, habe in Donauwörth eine Kreuzbundgruppe gegründet „und begann in der Folge mit der sogenannten Knastarbeit“. Seit vielen Jahren kümmere er sich um Jugendliche und junge Erwachsene in den Justizvollzugsanstalten Niederschönenfeld und Neuburg-Herrenwörth. Er betreue Gefangene mit Suchtproblemen in Kursen zur Motivierung und Therapievorbereitung. Hunderte von Strafgefangenen habe er auf ihrem Weg begleitet, zehn bis zwölf Stunden in der Woche sei er ehrenamtlich aktiv.
Trotz seiner chronischen Erkrankung und Schwerbehinderung und obwohl er seit Sommer auf den Rollstuhl angewiesen sei, komme Gropp gut an. Er motiviert mit seinem eigenen Leben.
(bih)


 

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Augsburger Gespräche 2011

Samstag, 26. März 2011, 9:00 bis 17:00 Uhr
Kloster St. Stephan in Augsburg


Mitgliederversammlung 2011

Samstag, 17. September 2011
in Augsburg / Hotel Riegele, Viktoriastraße 4,
gegenüber Hauptbahnhof


Straubinger Tagung 2011

Freitag, 23. bis Sonntag, 25. September 2011
Justizvollzugsschule Straubing



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Der Weise hat neun Arten des Strebens:

beim Schauen strebt er nach Klarheit,
beim Hören nach Deutlichkeit,
im Gesichtsausdruck nach heiterer Ruhe,
im Benehmen nach Würde,
im Sprechen nach Aufrichtigkeit,
in Geschäften nach Gewissenhaftigkeit,
in Zweifeln nach Wahrheit,
im Kritisieren nach Folgerichtigkeit,
im Empfangen nach Recht und Billigkeit.

Konfuzius

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© LAG 2011-03-27