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Ehrenamt-im-Strafvollzug

LAG - Info Nr. 73


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LAG-Info 73       Inhaltsverzeichnis

Auf ein Wort, heute offene Worte
Rudi Repges, neugewählter Vorstand
Auf ein Wort vom Redakteur
Terminkalender
Die neue Redaktionsleitung
Große Bitte der Redaktionsleitung
Jugendstrafe, endlich frei
Nachgefragt und mitgehört
Bernd Moninger verlässt die JVA Stadelheim
Pilotprojekt im Freistaat zur Kontrolle
jugendlicher Intensivtäter

Pilotprojekt für gewalttätige Jugendliche
Erste Strafgefangene bekommen
Fußfessel

Nicht einfach zuschlagen, sondern
reden

Sprachkurs statt Sozialstunden
Ärmel hoch und frisch ans Werk
Schulung Ehrenamtlicher Mitarbeiter
in Straubing

LAG Buchtip / Das Ende der Geduld
Führerscheinentzug bei Straffälligkeit
Betrunkener Radfahrer
Führerscheine nur noch 15 Jahre gültig
Zeugnisverteilung auch in JVA Landshut
Umweltfreundliche Wärme für
die JVA Straubing

Feierlicher Amtswechsel in der
Residenz München

Merk will elektronische Fußfessel
fär gefährliche Straftäter

Fußfessel kann niemals die
nachträgliche Sicherheitsverwahrung
ersetzen

Merk kritisiert Vorschläge zur
Sicherheitsverwahrung als unzureichend,
Gesetzgeber muss Regelung für
Altfälle treffen

Gefängnisneubau geplant
Erdinger Gefängnis wird 2011 saniert
und erweitert

Justiz spart: Für Geldstrafen
nicht mehr ins Gefängnis

Ehrenamt ist die Seele für unsere
Gesellschaft

Gewalttäter weg vom Steuer
Leser schreiben
Beitrittserklärung
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Unser Flyer Zurück zur LAG-Info - Übersicht
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Auf ein Wort, heute offene Worte

Liebe Mitglieder, liebe Leser der LAG-Info!<p> Der 18. September 2010 war ein ereignisreicher Tag, für unsere LAG eV, sowie ganz besonders für den neu gewählten Vorstand. Wir, der gesamte Vorstand sagen zu Ihnen ein herzliches Grüß Gott! Keiner der gewählten Vorstandsmitglieder ging davon aus, die würdige Aufgabe übertragen zu bekommen. Wenn man jedoch zurückblickt, dass die LAG im April 1987 gegründet wurde, dann ist es auch etwas sehr Schönes ein solches Amt übernehmen zu dürfen. Alle anwesenden Mitglieder konnten sich überzeugen, dass in einer wirklich nicht ganz einfachen Situation sieben Personen (einschließlich der Nachrücker), die Verantwortung übernommen haben. Außerdem haben sich zwei qualifizierte Mitglieder als Kassenprüfer zur Verfügung gestellt.
Es ist wie im richtigen Leben, Höhen und Tiefen begleiten einen durch die Lebensvita, dies ist in einem Verein nicht anders. Die Tiefen machen aber das Besondere, wenn man sie hinter sich lassen kann. Schauen wir nicht auf den Sturm zurück, sondern blicken mit Hoffnung und Zuversicht nach vorne. Ziele werden neu in den Mittelpunkt gestellt, nicht neu erfunden. Der Urgedanke der LAG ist und bleibt die Orientierung auf die Gefangenen, Ihnen beizustehen und versuchen die Situationen zu verbessern. Die Satzung des Vereins schreibt es uns ins Gedächtnis: Ehrenamtliche Mitarbeiter an bayerischen Justizvollzugsanstalten bei ihrer oft nicht einfachen Aufgabe zu unterstützen, die Wiedereingliederung der Strafgefangenen mit allen Beteiligten des Strafvollzugs zu fördern um das Vollzugsziel zu erreichen, künftig ein Leben ohne Straftaten zu führen.
Aus meiner Sicht sind die wichtigsten Aufgaben der LAG: Bei der Grundeinweisung von neuen ehrenamtlichen Betreuern in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Kontaktbeamten der Justizvollzugsanstalten mitzuwirken.
Hier unterstützt uns in bewährter Weise weiterhin Peter Möller aus München. Ebenso die örtlichen Regionaltreffen zu begleiten, die Probleme vor Ort aufzunehmen und gebündelt nach „oben“ zu tragen. Hier freue ich mich sehr auf eine konstruktive Zusammenarbeit mit dem Justizministerium unter der Leitung von Frau Dr. Beate Merk.
Ich betreue seit 2006 aktiv Strafgefangene in der JVA Straubing, dies wird auch so bleiben. Damit bin ich bei einem wichtigen Thema, ich möchte Ihnen allen hier sagen, die Vorstandschaft wird ausschließlich ehrenamtlich bleiben, das Geleistete von unserem bisher ehrenamtlichen Geschäfts führer und vormaligem Vorstandsvorsitzenden Norbert Merz, ist in gewisser Weise eine schwere Bürde und mit der Intensität wie Norbert gearbeitet hat, kaum zu erbringen. Norbert Merz stärkt den gesamten Vorstand jedoch mit Starthilfen, Tips und der gehörigen Portion Erfahrung. Seine vorbildlichen Kontakte zur Justiz, zu den Anstaltsleitungen vor Ort, sowie den ehrenamtlichen Regionalgruppen, gilt es zu übernehmen. Bis auf Marga Helms sind alle Vorstandsmitglieder Neulinge.
Wir versprechen Ihnen jedoch offen miteinander umzugehen, die Entscheidungen in der Gesamtheit des Vorstandes demokratisch zu vollziehen, Ihr Vertrauen wird uns sicher ein Ansporn sein. Für dieses Vertrauen sagen wir „Danke Schön“.
Bei der Mitgliederversammlung kam klar zum Ausdruck, dass unsere LAG Info einen sehr hohen Stellenwert hat, es ist unsere Darstellung nach außen und Bindeglied zwischen den aktiven Betreuern, den Interessenten und auch zu den Anstaltsleitungen, sowie zum Ministerium. Darum setzte ich alles daran es zu erhalten. Ein Verein ist immer so stark und aktiv wie seine Mitglieder, darum eine Bitte.
„Werben Sie persönlich um neue Mitglieder, nehmen sie die Interessenten mit zu den örtlichen Veranstaltungen.“
Schreiben sie an die Redaktion der LAG-Info, auch hier haben wir bereits mit Lutz Podszadel, Niederviehbach / Landshut einen neuen Redakteur gewonnen. Er wird mit Anita Dick, Tegernbach zukünftig die LAG Info gestalten.
Das Thema „Mitgliedsbeitrag“ war angesprochen, die Mehrheit der anwesenden Mitglieder sprach sich gegen eine Erhöhung aus, dies sehe ich jedoch mit gemischten Gefühlen. Es wäre eine nette Geste wenn die Bezieher der LAG Info mit einer kleinen Spende antworten, dies ist bitte als ein persönlicher Wunsch zu verstehen. Solche Wünsche bringt man eigentlich nicht gerne beim ersten Wort, aber ich sagte auch: „Offene Worte sollten wir von Anfang an nennen dürfen.“ Eigentlich mache ich hier nichts anderes als wenn ich mit meinen Gefangenen spreche. „Offen und ehrlich, sonst funktioniert es nicht“.
Ehrenamtlich heißt eben auch in finanzieller Hinsicht mit bescheidenen Mitteln versuchen auszukommen. Dieser Aufgabe werden wir uns unweigerlich auch stellen müssen. Viele Gedanken sind schon da, wir gehen die Sache gemeinsam an und ich bin guten Mutes, - der neue Weg wird gefunden. Danke für Ihre guten Wünsche, die Sie liebe Mitglieder dem gewählten Vorstand bereits mit auf den Weg gegeben haben.
Nicht versäumen möchten ich hier, ganz besonders Marga Helms zu danken, von der ich den „Führungsstab“ übernommen habe. Marga hat den Verein bis zur regulären Mitgliederversammlung „über Wasser gehalten“ und bleibt weiterhin unsere Kassiererin. Den ausgeschiedenen, langjährigen Vorstandsmitgliedern Horst Münzer, Maria Wolf, Heidi Pflanzelt und Herrmann Wolf als Kassenprüfer, sowie Gerhard Gruber, der als ehemaliger, stellvertretender Vorsitzender neue Aufgaben an anderer Stelle vorzeitig übernommen hat, danken wir im Namen aller Mitglieder sehr herzlich und wünschen ihnen jetzt viel Zeit, Gesundheit und alles erdenklich Gute.
Eines dürfen Sie sich sicher sein, mit der uns zur Verfügung stehenden Zeit werden wir unser Bestes geben. Dieser „Neustart“ ist wirklich „ehrenamtlich“ und speist aus ideellem Grundverständnis, den Gefangenen beizustehen und die Wiedereingliederung zu fördern. Für ihre Betreuung mit ihrem „Schützling“ wünschen wir beständige Kraft und Ausdauer.

Die neuen Vorstände Rudolf Repges, Pliening und Helmut Kellnhofer, München


Augsburger Gespräche 2011

Samstag, 26. März 2009, 9:00 bis 17:00 Uhr
Kloster St. Stephan in Augsburg


 

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Rudi Repges, meine Lebenstationen

Als neu gewählter Vorstandsvorsitzender möchte ich mich bei Ihnen heute vorstellen: Geboren am 24. März 1959 in der schönen niederbayerischen Regierungsstadt Landshut. Aufgewachsen in eher bescheidenen Verhältnissen, die Mutter alleinerziehend, Beendigung der Hauptschule mit Qualifizierendem Abschluss, Ausbildungsberuf als Kaufmann im Groß- und Außenhandel mit abgelegtem Kaufmannsgehilfenbrief im Jahr 1977.
Ausbildungsfirma war in Landshut der Elektrogroß- und Einzelhandel Fa. Fröschl &amp; Co, eine bayernweit bekannte Elektrofirma, die leider nicht mehr existiert.
1980 verschlug es mich dann beruflich nach München, im Olympia-EKZ arbeitete ich bei der Fa. Kaufhof AG im Elektrobereich und zuletzt (damals) in der Schallplattenabteilung.
1982 bewarb ich mich bei der Stadt München als Straßenbahnfahrer, da ich Schienenfahrzeugen schon immer verbunden war und meinem Wunsch als Kind Lokführer zu werden, kam ich dem ja ziemlich nahe.
Seit dieser Zeit fahre ich in München meine Runden und wurde auch schon als Lehrfahrer eingesetzt. Meine Interessensgebiete sportlicher Art sind Fußball (Schiedsrichter) und Eishockey, hier war ich bis vor kurzem in der Zeitnahme der Landshut Cannibals ehrenamtlich als Punktrichter tätig.
Zur ehrenamtlichen Betreuung kam ich 2006 durch einen Zeitungsartikel in der Landshuter Zeitung, in dem die JVA Straubing vorgestellt wurde und ein Lebenslänglicher interviewt wurde. Dieser Artikel hatte mich sehr berührt, da der Gefangene über seinen Ehrenamtlichen sehr positiv gesprochen hatte. So besuchte ich den vierteljährlichen Treff der Gruppe Straubing und nach Überprüfung im BZR stand einer Betreuung nichts mehr im Wege. Den ersten Probanden habe ich auch dann bald „bekommen“.
Aufgeregt war ich sehr, als ich das erste Mal ins Gefängnis ging. Aber es spielt sich alles ein, doch denke ich mir immer wieder – ein Glück, dass ich wieder gehen kann, wie ich will! Die Betreuung liegt mir sehr am Herzen, ich sehe es als einen Auftrag der Gesellschaft an, eine Wiedereingliederung zu unterstützen. Ob es uns immer gelingen wird?
Ich versuche zumindest, mir Wichtiges dem Gefangenen zu vermitteln. Oftmals sieht man an der eigenen Vita, dass die Lebensläufe ähnlich sind und man dann Glück hat, dass die „Weiche“ bisher richtig gestanden hat.
Ja und dass ich jetzt zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde – daran hatte ich nie und nimmer gedacht. Ich übernahm diese ehrenvolle Aufgabe gerne, auch wenn ich hier wieder mal „Neuland“ betrete.
Unser vierteljährliches Treffen in Straubing gefällt mir immer sehr gut – Gedankenaustausch, dies ist ein Ziel in den übrigen JVAs ähnliches zu installieren und Problemfelder zu sammeln um die Situation zu verbessern. Bleiben Sie Ihrer ehrenamtlichen Betreuung und dem Verein gewogen – stärken wir uns gegenseitig um zukünftiges zu meistern.


 

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Auf ein Wort vom Redakteur

Liebes Mitglied, liebe Leserin, lieber Leser!
Ein herzlicher Gruß an alle die sich persönlich mit einer vollkommen neuen Materie auseinandersetzen wollen um dabei Ziele und Motivation der LAG Mitglieder kennenzulernen und zu verstehen.
Ein Wechsel in der Redaktionsleitung der Broschüre LAG -Info stand ins Haus. In ruhiger Art, ein großes „Hauen und Stechen war nicht notwendig, fand man einen neuen Weg für eine Zusammenarbeit mit einem gemeinsam auserkorenen Ziel für beide Seiten, der Redaktion und der LAG.
Sie wird geprägt sein von einer positiven Zusammenarbeit, die uns von Norbert Merz in vielen Jahren erfolgreich vorexerziert wurde. Die notwendigen Voraussetzungen sind vorhanden und sie werden unseren Weg vorgeben.
Wir haben ausführlich die „Für und Wieder“ der neuen Broschüre diskutiert um unseren Lesern jeweils einen repräsentativen Querschnitt der wichtigsten Ereignisse zu präsentieren, aber auch um neue, wichtige Ideen vorzustellen.
Ich selbst bin seit kurzem Mitglied in der LAG, JVA Straubing, und habe auf Grund des Vorschlages von Norbert Merz die Funktion des Redaktionsleiters übernommen.

Auf Seite 9 dieser Infobroschüre werde ich mich noch detailliert vorstellen. In der Hoffnung auf eine gute Zusammenarbeit darf ich mich mit meinem „obigen Redaktionsteam“ für heute verabschieden und wünsche allen dass wir unsere Ziele erreichen.

Ihr

Lutz Podszadel


 

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Die neue Redaktionsleitung

Von Norbert Merz wurde mir angetragen mich der redaktionellen Arbeit für die LAG Broschüre anzunehmen. Nachdem ich nun erst seit dem 31. 10. 2009 Mitglied der LAG bin, fühlte ich mich schon geehrt diese wichtige Funktion auszufüllen und habe sie auch gerne übernommen. Kurz die wichtigsten Daten zu mir: Geboren am 23. Juni 1943 in Berlin, der 2. Weltkrieg ging in die letzte Phase. Wir wurden noch ausgebombt und zogen in ein sehr kleines Dorf ins nördliche Hessen. 1948 ging es weiter nach Coburg und ein knappes Jahr später weiter nach Kronach / Oberfranken. Ich durchlief die Volksschule und anschließend die Oberrealschule bis zur Mittleren Reife. Die Lehre als Werkzeugmacher (Kunststoffformenbau) war das nächste Ziel. Dann rief die Bundeswehr für 18 Monate zum Dienst in Kempten, Ulm und Amberg. Aus dem Dienst entlassen führte der Weg zum Studium Maschinenbau an die FHS Coburg mit dem Abschluss als „Dipl. Ing. grad“. Die weiteren beruflichen Standorte waren als Mitarbeiter im Versuchsfeld von Fritz Werner Maschinenbau, Berlin, 6 Monate davon verbrachte ich in der UdSSR zur Montage von Maschinen. Memmingen war die nächste Station als Assistent der Geschäftsleitung im Unternehmen Pfeifer Hebezeuge. Von dort wechselte ich zur Wacker Chemie in Burghausen als Sachbearbeiter für Hebezeuge. Im Gummiwerk Kraiburg, Waldkraiburg, habe ich dann den Schritt in den Verkauf gewagt. Erfolgreich konnte ich als Verkaufsleiter für Produkte der Bundes- und vieler europäischer Eisenbahngesellschaften den reinen Maschinenbau verlassen. In Landshut war es nochmal die Funktion als Verkaufsleiter für Präzisionsbohrtechnik, bevor ich den Schritt wagte und mit meinem Büro „docutec“, „Büro für technische Dokumentation“, d. h. Erstellen von Betriebs-, Bedienungs-und Montageanleitungen in die Selbständigkeit wechselte.
Als kleines, aber sehr interessantes Gebiet fiel noch das Schreiben als Freier Redakteur für regionale Tageszeitungen und diversen anderen Blättern an, bis zum Zeitpunkt meines Übertrittes in das heutige Dasein als Rentner und dem Einstieg bei der LAG. Meine gesamte berufliche Zeit war im Wesentlichen geprägt durch eine intensive Reisetätigkeit in Gesamteuropa, Japan und den bereits genannten 6 Monaten in der UdSSR.


 

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Eine große Bitte der Redaktionsleitung

Die ersten Gehversuche habe ich mit unterschiedlichen Erfolgsquotienten hinter mir. Sorgen bereiten mir die Eingänge der textlichen Beiträge.
Sie sind zum Teil in einem kaum brauchbaren Zustand. Es fehlen oft die wichtigsten Angaben zum Verfasser, Ort und Datum des Ereignisses, die wichtigen Namen und Stellung der Gesprächspartner plus der Telefonnummer / bzw. deren E-Mail Adresse für die eventuell notwendige Rücksprache.
Desgleichen bitte ich aus zeitlichen Gründen die Beiträge immer direkt an mich zu mailen. PS: Der Einsatz einer digitalen Kamera wäre sehr hilfreich, denn ein informatives Bild „peppt“ den Bericht wesentlich auf. Es wäre ideal wenn Sie diesen, meinen Bitten nachkommen könnten und für mich eine ideale Unterstützung, desto besser wären unsere Ergebnisse. Letzt endlich fällt es auf uns alle zurück.
Danke für Ihre Unterstützung Ihr
Lutz Podszadel


 

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Jugendstrafe, endlich frei

Mit 18 steht einem das Leben noch offen, heißt es. Wie offen ist es für einen, der gerade erst aus der Haft entlassen wurde? Als die 475 Tage im Jugendgefängnis vorüber waren steuerte Marc Krüger (alle Namen geändert) die Theke einer Bremer Großraumdisco an und trank zehn Tequila. Eigentlich wollte er doch Ordnung in seine Gedanken bringen. Die Enge der Zelle hatte er hinter sich gelassen, die Schläge, die ihm verpasst wurden, weil andere, ältere Häftlinge ihm zeigen wollten, wer stärker ist. Einmal hatte ihm ein Zellennachbar ein Vorhängeschloss, das in eine Socke eingewickelt war, gegen den Kopf geschleudert. Die Platzwunde musste mit fünf Stichen genäht werden. „Bevor das Leben schön wird, muss es erst mal scheiße sein“, sagt er. Mit 18, so denken Erwachsene oft, startet das Leben für alle mehr oder weniger bei Null. Wie denkt einer wie Marc, der bei minus zehn startet, über das Leben, das vor ihm liegt? „Seit ich aus dem Gefängnis raus bin, richte ich den Blick in die Zukunft.“ Das klingt sehr pflichtschuldig, aber tatsächlich sind seine Vorstellungen recht präzise, vielleicht sogar präziser als die seiner Altersgenossen vom Gymnasium, für die er, wie er sagt, „das letzte Gesocks“ sei. Während Abiturienten noch zwischen Weltreise, Studium oder sozialem Jahr abwägen, weiß Marc bereits, was er will: eine Lehre als Einzelhandelskaufmann machen. Und nicht irgendwo. Marc will in einem Modegeschäft arbeiten. Er selbst sieht jetzt nicht unbedingt aus wie ein Dressman, trägt ein eher schlichtes Outfit – Baggy Pants, schwarzes T-Shirt und weiße Turnschuhe. Als er noch 13 Jahre alt war, ist er seinen Kumpels aber einmal im Jackett begegnet. Seither nennen sie ihn „Don“, weil er wie ein gediegener Mafioso aussah. Marc wusste von da an um die Wirkung von Mode. „Es ist heftig, was Klamotten für eine Kraft haben“, sagt er. Dankbar sei er im Nachhinein für die Haft, sagt er heute, neun Monate nach der Entlassung und mittlerweile 18 Jahre alt. Marc hat im Gefängnis den Hauptschulabschluss gemacht, in Deutsch eine Zwei, in Mathe eine Eins. Er sagt, er fühle sich gereift. Seine Betreuerin von einer Bremer Jugendhilfeeinrichtung sagt, er sei „viel erwachsener als Gleichaltrige“. Marc selbst betrachtet den Gefängnisaufenthalt als Martyrium, das er durchleiden musste, um wieder auf die richtige Spur zu geraten. Marc hat Menschen mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen, immer wieder kam das vor. Er hat versucht, ein Auto zu klauen, angeblich, um aus seiner Wohngruppe zu flüchten, in die er mittlerweile gezogen war als „Intensivtäter“. Damals verurteilten ihn die Richter auf Bewährung, weil sie ihm eine Chance geben wollten. Er verspielte sie im Sommer 2008. Er stritt sich mit einem Jungen und schlug wieder zu. Die Richterin griff zum letzten Mittel - einer Haftstrafe für ihn, der damals erst 16 war. Mit dünner Stimme erzählt er von seinen Gewaltausbrüchen: „Wenn einer mich blöd angequatscht hat, wollte ich ihm meine Eier zeigen. Im Nachhinein hat’s mir immer leidgetan.“ Er erinnert sich nicht gern an seine Kontrollverluste. Er will sie vergessen wie einen schlechten Horrorfilm. Nach seiner Haft ist Marc zu seinem Vater in ein Bremer Arbeiterviertel gezogen. Seine Eltern trennten sich, als er acht Jahre alt war. Akkurat geschnittene Hecken täuschen darüber hinweg, dass hinter den Fassaden die Welt aus den Fugen geraten kann. Um viele Familien muss sich das Jugendamt kümmern. Aber bei seinem Vater und ihm zu Hause sei alles in Ordnung, sagt Marc. „Wir verstehen uns gut. Wie in einer Junggesellen-WG wohnen wir zwei zusammen.“ Marcs Zimmer sieht man an, dass er noch nicht lange hier wohnt: Couch, Bett, Regal, Tisch – nur eine gelbe Stehlampe in Gummibärchen-Form strahlt Farbe aus. Er setzt sich aufs Bett, ein Koloss mit schüchternem Grinsen, und sagt: „Ich muss damit klarkommen, dass ich keine leichte Kindheit hatte.“ Nachdem die Ehe seiner Eltern zerbrochen war, hat die Mutter ihn geschlagen. Einmal habe sie so heftig zugelangt, dass er noch am anderen Tag in der Grundschule „ganz durcheinander“ gewesen sei. Die Lehrerin informierte das Jugendamt. Das Amt war ohnehin schon auf seine Mutter aufmerksam geworden, die ihn allein erzog. In der Schule glaubte man Marc fortan, wenn er mal wieder von Mamas Wut erzählte. Heute bekommt Marc manchmal Postkarten von ihr, zum Geburtstag oder zu Weihnachten. Doch der gequälte Junge hat längst alle Brücken zu ihr abgebrochen: „Die 50 Cent für die Briefe kann sie sich sparen.“
Marc will seine Vergangenheit abschütteln.

Er bemüht sich eifrig um eine Lehrstelle, hat bisher aber nur Absagen erhalten. Wegen seines guten Schulzeugnisses ist es trotzdem nicht unrealistisch, dass er noch einen Ausbildungsplatz findet. Und überhaupt: Sein erstes Praktikum in einem Schuhgeschäft hat er schon absolviert. Dem Chef hat er anvertraut, dass er mal gesessen hat, und der erwiderte einfach: „Ich habe früher auch viel Scheiße gebaut. Hauptsache, du zeigst, was du draufhast.“ Und das hat Marc dann getan. Normalerweise verschweigt er seinen potenziellen Arbeitgebern seine Knasterfahrung. Es gibt auch kein Gesetz, das ein solches Eingeständnis vorschreiben würde. Im Lebenslauf fügt Marc für den Zeitraum der Haft die Hauptschule ein, die seinen Unterricht im Gefängnis organisiert hat. Sie trägt einen ganz gewöhnlichen Namen. Unmöglich, dass ein Personalchef die Schule mit der JVA in Verbindung bringen kann. Marc graut es davor, keinen Ausbildungsplatz zu bekommen. Schon jetzt bedrücken ihn all die leeren Tage, die die Xbox und die Jungs aus dem Viertel kaum füllen können. Wie soll das erst werden, wenn er im Herbst immer noch nichts gefunden hat und nachmittags schon die Dunkelheit einbricht? Marc muss noch etwas mehr als ein Jahr überstehen, bis seine mit der Haftstrafe verknüpfte Bewährungszeit vorüber ist. Seine Betreuerin ist optimistisch, dass er das schafft, Marcs besonnenes Auftreten spreche dafür. Andererseits ist Marc in seinem Viertel umgeben von lauter kleinen Bad Boys. Da ist sein Hausnachbar André, 17, dessen Augen schon früh am Nachmittag glasig sind vor lauter Gras und der tönt: „Bei uns in der Siedlung ist jeder Zweite oder Dritte kriminell - Raub, Drogen, Körperverletzung, alles ist dabei.“ Oder Tim, ein bleicher 17-Jähriger, um den sich die blumige Legende rankt, seine Luftröhre sei bei einer Speed-Überdosis gerissen, was er nur knapp überlebt habe. Nicht gerade einfach, mit ihnen die Zeit totzuschlagen, wenn man eine weiße Weste behalten will. Manchmal ist Marc genervt von seinen Kumpels. „Jungen haben untereinander ein recht primitives Verhältnis“, sinniert er und klingt dabei fast wie ein Feminist. Marc trifft sich lieber mit Mädchen, zu ihnen hat er einen guten Draht. Er findet, dass sie sich besser in Menschen hinein-fühlen können und viel „chilliger“ sind. Stundenlang redet er mit ihnen, auch über sich und sein Leben. Eine feste Freundin hat er nicht. Er ist etwas abgeschreckt vom Pärchendasein.
Die letzte Beziehung scheiterte daran, dass der Exfreund seiner Freundin ständig nervte. Wie sie denn mit so einem zusammen sein könne, der aus dem Knast komme. Marc sei ein schlechter Umgang für sie. Im Privaten gibt es kein Zeugnis, das das Gefängnis vergessen lässt. Wenn Marc von seiner Zukunft träumt, dann ist es ein einfacher Traum: „Ich wünsche mir eine gute Frau, einen schönen Platz zum Wohnen und einen Job. Ich will ein Leben, das ich leben kann.“


 

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Nachgefragt und mitgehört

Warum Männer im Gefängnis frei über sich, ihre Gefühle, ihre Sehnsüchte und ihre Werte reden wollen.
WIR FRAGEN: „Welche WERTE waren Dir schon immer wichtig? Welche Werte willst Du Dir auch in der Haftzeit erhalten?“ M: auch wenn ich ohne Vater aufgewachsen bin und kein Männer-Vorbild kannte, habe ich mir Werte selbst beigebracht, z. B. Respekt vor dem Alter haben, keine Frauen und Kinder zu schlagen. In der Haft will ich mir vor allem meine Menschlichkeit bewahren. G: Früher waren mir schöne Mädels und schnelle Autos das Höchste, heute will ich meine Gesundheit und meine Willensstärke pflegen, damit ich für meine Familie da sein kann. R: Musik war immer ganz wertvoll für mich, Freunde auch, jetzt besonders die Familie, die zu mir hält. S: Ich habe immer ein Superverhältnis zu meiner Mutter gehabt. Sie hat mir Hilfsbereitschaft beigebracht, die mir in der Haft ganz wertvoll geworden ist – ich habe hier echte Freunde. Was ich früher nicht kannte, aber jetzt ist es mir ein Wert: mein Verständnis für menschliches Mitgefühl und Toleranz. C: Ich will Werte von früher loswerden: meine Gutgläubigkeit und Naivität, die haben mir geschadet. L: In der Haft ist mir HOFFNUNG das Wichtigste geworden: nicht aufgeben, MICH nicht aufgeben, es doch noch mal zu schaffen. J: Immer wollte ich nur glücklich sein - am besten mit der Familie - Freundschaften brauche ich nicht, die enttäuschen nur. Ich bin im Knast erwachsen geworden.
Das Wertvollste sind: meine Frau, meine drei kleinen Kinder – früher war ich mir das Wichtigste, ging aber alles schief. Lebenswichtig: Geborgenheit, Zuversicht, Liebe. Im Knast will ich mir unbedingt die Nächstenliebe erhalten. W: Meine Gesundheit ist das Wertvollste. Ich hatte schon zwei OP´s in der Haft, das war grässlich, zum Beispiel die OP-Nachsorge.
WIR FRAGEN: „Ihr kennt alle diese Mischung von NEID und EIFERSUCHT als menschliche Gefühle, bis hin zu Hass und Feindseligkeit, die leider oft genug der Auslöser für Straftaten sind.“
Überraschend offen wurde hier über sich gesprochen: S: Warum soll Neid negativ sein? Neid bringt dich weiter, spornt deinen Ehrgeiz an: ein noch schöneres Auto zu haben, als die anderen, oder die tollere Frau als der Spießer von nebenan. D: Hör´ auf, ich kenne Neid: meine Frau ist hübsch - andere sagen ihr: was willst du mit diesem hässlichen Junky da? Das tut mir sehr weh und macht mich noch unsicherer. M: Neid ist oft Angeberei: ich bin besser als du, ich habe mehr als du! Das ist doch alles Bluff! K: ich komme aus einer großen Familie - alle mussten das Wenige teilen. Ideal wäre: ich muss selbst etwas tun für das, was ich haben will. M: Als Geschäftsmann kenne ich den Firmenneid auf die Konkurrenz sehr gut. Mein Ehrgeiz wird zur Existenzfrage. R: Ich kenne weniger den Neid und die Eifersucht, als mehr die Schadenfreude gewissen Leuten gegenüber. Hey Kumpel, hat´s dich jetzt erwischt? haha! T: Ich bin im Knast so oft neidisch, z. B. wenn die mir von draußen schreiben, was sie alles tun: grillen, baden, in den Urlaub fahren. U: Wenn ich nicht so neidisch wäre, wär´ ich nicht hier im Knast. M: Ich bin keinem neidisch - ich gönne es ihm. Ich will nur meine eigene Zufriedenheit lernen.
An einem anderen Gesprächsabend taucht der Satz auf: „ZUR MENSCHLICHKEIT GEHÖRT LIEBE.“ Es entstand ein sehr intensives Gespräch zu den Fragen: M: Liebe ist sehr wichtig, sie hält einen über Wasser, besonders die Sehnsucht sie nach draußen zu bekommen. K: Das Wort Liebe ist dehnbar - im Briefkontakt kommt sicher welche zu mir, aber Eigenliebe ist genauso wichtig dass ich mich nicht verkommen lasse. Die Liebe einer Frau bleibt draußen, sonst macht sie mich kaputt hier drinnen. R: Nach 13 Jahren haben meine Eltern mich wieder sehen wollen, zu meinem 40. Geburtstag. Ich entdecke gerade die neue Liebe zu meinen Eltern. ….ist wahnsinnig schön, ich muss aber erst Vertrauen zu ihnen lernen. M: Diese Gefühle sind im Gefängnis fehl am Platz, ich muss sie wegsperren, nach der Haft ist mir Erwartung von Liebe vergangen. Man wird alleine geboren und stirbt alleine! P: Zuviel Liebe kann dich auch in den Knast bringen. Aber du brauchst einen Menschen fürs Gespräch...hier drin zum Verstanden werden, denn eingesperrt sein macht alles kaputt! M: Liebe im Knast… ! Ist doch zum Lachen….Hier drin wird man zum Menschenhasser. Hier gibt‘s keinen Charakter, keinen Stolz, kein Vertrauen - nur Lügen, jeder versucht einen abzuzocken. Mein Hund ist ehrlich und liebt mich. Ich habe eine Familie, allein dies ist wichtig“. K: In meiner Familie gibt‘s vielleicht so was wie Liebe - bei fremden Leuten mache ich den Eindruck eines Menschenhassers. Ich habe viel Scheiße erlebt und Gedichte schreiben angefangen. Ich rappe und das hilft mir. G: Liebe ist mir sehr wichtig, jeder braucht sie und kann sie geben. Ich komme deshalb hier zu dieser Gruppe.
Wir fühlen uns in unseren Gesprächsabenden sehr bestätigt und freuen uns, dass sich unsere EXODUS-Ziele so intensiv und ehrlich umsetzen lassen, wie z.B. „Herausgehen aus Isolierung und Sprachlosigkeit“ und „gegenseitige Respektierung und Vertrauen in eine gewachsene Gemeinschaft“, und dankbar angenommen werden.

Das EXODUS-Team, das Team der JVA Bernau mit Brigitte Mayr, Günther Mühlbauer, Bruni Rollner und Brigitte Seidl führte das Gespräch mit den Insassen.


 

 

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Mitgliederversammlung 2011

Samstag, 17. September 2011
in Augsburg / Hotel Riegele, Viktoriastraße 4,
gegenüber Hauptbahnhof


Straubinger Tagung 2011

Donnerstag, 23., bis Samstag, 25. September 2011
Justizvollzugsschule Straubing



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Der Gouverneuer Al Smith war lange Zeit der populärste Mann der Vereinigten Staaten. Bald nach seiner Wahl besuchte er das Zuchthaus Sing-Sing und musste dort ein paar Worte an die Gefangenen richten. Es war das erste Mal, dass er unter solchen Umständen sprechen musste. Ziemlich verlegen begann er: "Liebe Mitbürger". Zum Teufel, dachte er, ein Strafgefangener ist doch kein Mitbürger mehr! Er wurde immer verwirrter und begann von neuem: "Meine lieben Häftlinge" …. Das gefiel ihm auch nicht besser und so fuhr er hastig fort: "Ich bin glücklich Sie hier so zahlreich versammelt zu sehen".

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© LAG 2011-03-28