Landesarbeitsgemeinschaft ehrenamtlicher Mitarbeiter im Strafvollzug Bayern e.V.
Ehrenamt-im-Strafvollzug

LAG - Info Nr. 59


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LAG-Info 59       Inhaltsverzeichnis

Auf ein Wort
Motivierende Briefe
Zeit haben, die Stille zuhören
Zeit haben und zuhören
Augsburger Gespräche
Nur Jahreswechsel?ß
Ehrenamtliche ...
Ein ganz Großer hat uns verlassen
Zeit zu einem Gespräch
Welttag des Ehrenamtes
Mein Leben zieht an mir vorbei
Aber was ist denn nur Zeit
Bundeskanzlerin
Verantwortung, ...?
Die eigene Herkunft
Erich Fischer
Stumme Schreie
Sie Macher - Ebrach
Leben in Eis - Amberg
Umweltprojekt - Landshut
Zum Schmunzeln
Helfen uneigennützig?
1628 meint
Aus den Regionen
- Landshut
- Nürnberg / Weiden
- München
- Würzburg
- Straubing / 12 Konzepte
- Weiden / Bayreuth
- Erlangen
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Auf ein Wort

Liebes Mitglied, liebe Leserin, lieber Leser!

Es war für das Ehrenamt im Strafvollzug ein erfolgreiches Jahr. Wir haben neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewonnen und durften sehr viel Zustimmung und vor allem eine enorme Unterstützung durch die Leiter und Fachdienste der Justizvollzugsanstalten erfahren.
Leider hat uns kurz vor Weihnachten unser Ehrenvorsitzender und Mitbegründer der LAG, Dr. Werner Graeser, verlassen.
Dass wir auch im Jahre 2007 an einer guten, der Wiedereingliederung dienenden Zusammenarbeit mit allen Beteiligten des Vollzuges interessiert sind, unterstreicht die Veranstaltung Augsburger Gespräche. Im Rahmen dieses Events kommt es uns darauf an - die bayerische Justiz wird uns dabei mit Referenten und Exponaten beispielhaft unterstützen -, die Wiedereingliederungsbemühungen und die dazu notwendigen Möglichkeiten der JVA aufzuzeigen. Dabei sind wir überzeugt, dass diese Informationen für die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch für die Bevölkerung von Interesse sind.
Liebes Mitglied, liebe Leserin, lieber Leser, wir danken Ihnen für Ihr Mittun. Ganz besonders bedanken wir uns für die gute Zusammenarbeit und für alle Unterstützung durch die Justizministerin, Frau Dr. Beate Merk, durch Herrn Ministerialdirigent Hermann Korndörfer und durch Herrn Regierungsdirektor Ragnar Schneider.

Ihr

Norbert Merz


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Zeit haben, die Stille zu hören

Aus Zwischenzeit:
„Ich arbeite mit Menschen, und das auch gerne und (welch Arroganz!), so denke ich zumindest, auch gut. Mit Menschen zu arbeiten, beinhaltet für mich immer auch, mich selber ein Stück weit zu offenbaren, mich selber zu reflektieren und mir selber und anderen vor allen Dingen mit Wertschätzung zu begegnen. Dabei ist einem ein Helfersyndrom nun aber ganz eindeutig im Weg. Leider trifft man aber genau dieses logischerweise im sozialen Bereich mehr als inflationär an. Schwierig wird dies für mich in meiner Arbeit immer dann, wenn meine zwar authentische und sicher auch ehrliche Art im Umgang mit den Menschen auf ein „Helfersyndrom Gegenüber“ trifft. Da scheiden sich die Geister, da treffen ganze Universen aufeinander, die nicht nur keine Berührungspunkte haben, sondern sich förmlich gegenseitig ausschließen. Ich möchte nicht gebraucht werden, immer für andere da sein oder andere von mir und meinem Handeln abhängig machen. Vielmehr möchte ich Anstöße geben, dass Menschen sich mit sich selber auseinander setzen, eigene Wege gehen, lernen eigene Entscheidungen zu treffen und dazu zu stehen.
Meine Erfahrung zeigt mir, dass dies sehr wohl möglich ist, wenn ich mir die Mühe mache, mich wirklich mit dem jeweiligen Menschen und seinen Eigenarten zu beschäftigen, und ich nicht dazu übergehe, ihm meine eigenen Lösungen aufzudrängen. Das bedeutet aber auch, dass ich in der Regel nicht die Lorbeeren ernten kann, dass vielmehr die Menschen selber zu ihren eigenen Lösungen finden, und dies ist meiner Ansicht nach auch der einzig richtige Weg. Ich freue mich daran, wenn ich sehe, wie Menschen, mit denen ich arbeite, ihre eigenen Wege finden und gehen. Die mit dem Helfersyndrom können zwar immer schön jammern, wie viel Arbeit sie doch haben und wie sehr sie dies alles auslaugt, und oft genug werden sie auch für ihre Arbeit gelobt, oder man schreibt ihnen sogar die vermeintlichen Erfolge zu, aber wenn der Preis dafür ist, andere Menschen von mir abhängig zu machen, dann verzichte ich gerne auf die Lorbeeren.
Zum Glück habe ich Kollegen, die genauso denken wie ich. Das ist wirklich ein Geschenk und für mich mehr Wert als alle Lorbeerkränze dieser Welt!

Zwischenwelt: „Wertschätzung kontra Helfersyndrom“ (http://zwischenwelt.twoday.net/)

Hier ein damit verbundener Kommentar:
Eine sehr geschätzte Berufskollegin sagte einmal: „Nicht erwünschte Ratschläge sind auch Schläge“. Wenn sich dies mehr Menschen, gerade in den sogenannten „Helfenden Berufen“ mal als Motto nehmen würden, wäre schon viel erreicht.
Es gibt ein einfaches Mittel, festzustellen, aus welcher Motivation heraus man anderen helfen möchte: seine eigene Reaktion zu beobachten, wenn angebotene Hilfe abgelehnt wird. Leute mit „Helfersyndrom“ reagieren da nämlich sehr emotional, weil es ihnen eben nicht um die „Sache", sondern um die Befriedigung eines eigenen - höchst emotionalen - Bedürfnisses geht, das „Helfen" da also eine höchst egoistische Motivation beinhaltet. Wenn ich also feststelle, dass ich mich „persönlich verletzt“ fühle, weil jemand mein Angebot zu Helfen ablehnt, also „einschnappe", wenn ein „Lass' mich bitte in Ruhe, ich will keine Hilfe" kommt, dann sollte ich mich mal genauer selber im Spiegel betrachten und meine eigenen Motivationen prüfen.
Und bevor jemand sagt „Nein, bei mir ist das nicht so", sage ich: dieser Punkt im Geflecht der Motivationen hinter eigenen Handlungen steckt IMO („In My Opinion“) in jedem bis zu einem gewissen Grad drin, denn er gehört zu den in unserer Kultur internalisierten Normen: Altruismus zum Zwecke der Steigerung der eigenen Wertschätzung ist eine Norm, die IMO jeder bis zu einem gewissen Grad verabreicht bekommen hat. Der Unterschied besteht lediglich in der Frage, wie groß dieser Anteil hinter den eigenen Handlungsmotivationen ist - bzw. wieweit „tragend" dieser Anteil ist.
Hilfsbereitschaft in das Kontrastfeld zwischen „Altruismus" und „Wertschätzung" zu stellen, ist dabei mit Sicherheit auch eine Möglichkeit, aus so mancher „Helfersyndromfalle" rauszufinden und die eigene Motivation auf den Prüfstand zu bekommen.


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  Zeit haben und zuhören

In einem Artikel (30. 11. 2006) über ehrenamtliches Engagement las ich unter anderem:
„Das Wichtigste, das wir mitbringen und anbieten können, ist die Zeit und das Zuhören! Die Hauptaufgabe unserer Besuche sehen wir in den Gesprächen. Dabei versuchen wir auf die Ängste und Sorgen einzugehen und in Anlehnung an unser Leben und unsere Erfahrungen Lösungsmöglichkeit aufzuzeigen und zu diskutieren. Da wir weder psychologisch noch sozialpädagogisch ausgebildet sind, sehen wir uns auch nicht als Konkurrenz zu Mitarbeitern und Fachdiensten der Einrichtung.“
So und nicht anders sehe auch ich unser Engagement in den bayerischen Justizvollzugsanstalten.
Norbert Merz


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Augsburger Gespräche 2007

mit großer Ausstellung im Beiprogramm

Vorbereiten auf die Freiheit
Therapieren – Qualifizieren – Freizeit gestalten - Beschäftigung

Unter diesem Motto werden uns sehr kompetente Fachleute aus verschiedenen Justizvollzugsanstalten Einblick in Wiedereingliederungsmaßnahmen geben.
Neben den Referaten, die Möglichkeiten zur Diskussion und zum Nachfragen bieten, gibt es für die Teilnehmer während der Pausen und für die „nur“ Besucher während des ganzen Tages Gelegenheit sich auf dem Gängen und in Nebenräumen des Klosters über berufsqualifizierende Maßnahmen, Arbeitswesen und Beschäftigungsmöglichkeiten, Arbeitstherapie (mit Vorführungen), über Freizeit und Kunst (mit Exponaten) und über das Therapiezentrum im Jugendstrafvollzug zu informieren.

Mit dem Thema: Jugendstrafvollzug, eine Verpflichtung - „Ertüchtigen für die Freiheit“ wird Ragnar Schneider, Regierungsdirektor im Bayerischen Staatsministerium der Justiz die Augsburger Gespräche eröffnen.
Dieser LAG-Info 59 liegt ein ausführliches Programm bei.
Vorbereiten auf die Freiheit: „Therapieren – Qualifizieren – Freizeit gestalten - Beschäftigung“ sollte keinen, der sich mit dem Thema Strafvollzug befasst und auseinander setzt, unberührt lassen. Deshalb bitten wir die Leserinnen und Leser, dass sie auch in ihrem Bekanntenkreis auf diese Veranstaltung mit diesem hoch interessanten Themenkomplex hinweisen und werben.
Die Eintritts ist frei.
Also: Man sieht sich am Samstag, den 24. März 2007 zwischen 9.00 und 17.00 Uhr in der Benediktinerabtei St. Stephan, Stephansplatz 6, 86152 Augsburg.


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Nur Jahreswechsel??

Vorüber ist das alte Jahr, ob‘s fröhlich wart ob‘s traurig war, ob du geweint, ob du gelacht, ob du geschlummert, ob gewacht, ob du die Zeit genützet hast, ob Müßiggang sie hat verpasst. Das Jahr das einst solang dir schien, vorüber rauscht es, hin ist hin. Vorüber vorüber.
Und doch, das Jahr; das du erlebt, und was du drin gewirkt, erstrebt, der Schweiß von deinem Angesicht, die heilige Arbeit deiner Pflicht. Dein Ringen mit des Lebens Not, dein Stillesein in deinem Gott. Was dein an Schmerz und Freude war du nimmst es mit ins neue Jahr Hinüber hinüber
Die Stunde kommt, vielleicht schon bald, ob jugendfrisch du bist, ob alt, wo mehr noch wird vorüber sein, als dieses flüchtige Jahr allein. Wo dir im Tod das Auge bricht, dein Mund den letzten Seufzer spricht, wo einmal noch eh du gehst fort, durch deine Seele tönt das Wort: Vorüber, vorüber
Und dann auch gibt, wie du gelebt, was du getan, was du erstrebt, was du geglaubt, was du gesollt, dir unabweislich das Geleit hinüber in die Ewigkeit.
O denke dran bei jedem Schritt, was hier du lebst, es gehet mit hinüber hinüber.

Ernst Ollech


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Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und ehrenamtliche Mitarbeiter

Wir bringen unsere Kompetenz für Gefangene in Zusammenarbeit mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Justizvollzugsanstalten ein. Wir fördern ein gutes Klima in der Anstalt und eine Kultur des Lebens:

  • Wir bieten qualifizierte Einzelgespräche und Gruppenarbeit an.
  • Wir helfen Spannung ab- und soziale Sicherheit aufzubauen.
  • Wir beteiligen uns an Fortbildungen und Freizeiten für Gefangene.
  • Wir sind offen für Gespräch und Hinweis.

    Unser Engagement hilft bei der Erfüllung des gesetzlichen Auftrags. Wir tragen zur Resozialisierung sowie zur sozialen und inneren Sicherheit bei:

  • Wir leisten einen Beitrag zum Schutz der Gesellschaft vor Straftaten (Täterarbeit als Opferschutz), indem wir Gefangene zur Selbstbesinnung und Tateinsicht ermutigen und Schritte zur Wiedergutmachung anregen.
  • Wir fördern soziale Integration, indem wir zur Übernahme von Verantwortung und zum Täter-Opfer-Ausgleich ermutigen.
  • Wir regen zur kritischen Auseinandersetzung mit Schuld, Strafe und Versöhnung an.


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    Ein ganz Großer hat uns für immer verlassen.

    Dr. Werner Graeser, Ehrenvorsitzender der LAG und ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Goldenen Kronenkreuz, ist im 92. Lebensjahr gestorben.

    Er sagte von und über sich und über sein Engagement: „Ich bin von einem unerschütterlichen Gottvertrauen und dem Vertrauen, dass in jedem Menschen etwas Gutes ist, das es zu wecken gilt. Nur so bekommt der inhaltlose Begriff: „Resozialisierung“ Bedeutung. Ich weiß um die Unterstützung, um das Verständnis durch meine Familie, ohne die bzw. ohne das ich nichts bin.
    Dr. Werner Graeser war Initiator des Täter-Opfer-Ausgleichs in Augsburg, der „Augsburger Gespräche“, Mitgestalter der Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht für einen gerechten Lohn für die Gefangenen während ihrer Gefangenschaft und Mitbegründer der Landesarbeitsgemeinschaft ehrenamtlicher Mitarbeiter im Strafvollzug (LAG).
    Seine Leistungsbereitschaft, sein selbstloses Engagement und seine beispiellose Unerschrockenheit gegenüber jedermann und jeder Institution zeichneten ihn aus.
    Dr. Graeser war und bleibt uns ein Vorbild. Bei ihm war „Christ sein“ Programm!

    Stationen
    1. Straubinger Tagung 1982 für ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (EH 82). Hier lerne ich Dr. Werner Graeser kennen und er war für mein weiteres Leben bestimmend.
    2. Straubinger Tagung 1983 (EH 83). Alle Beteiligten lauschen mit viel Interesse den Ausführungen anderer Ehrenamtlicher und anderer Einrichtungen.
    3. Straubinger Tagung 1984 (EH 84). Die Augsburger bringen die Gründung einer LAG ins Gespräch.
    4. Straubinger Tagung 1985 (EH 85). Diskussion zu und über eine LAG e.V. / Wahl der Sprecher Merz und Spitzer. Dr. Werner Graeser legt Satzungsdiskussionspapier vor. Am 28.6.1885 findet in Straubing die konstituierende Sitzung statt.
    5. Gründungsversammlung in Haunstetten 27.6.1987; Werner Graeser wird zum Kassier gewählt, diese Funktion bekleidet er bis zum 26.9.1995.
    6. Mitgliederversammlung und weiterführende Gründungsversammlung 14.5.1988.
    7. Täter-Opfer-Ausgleich in Augsburg (1988/89).
    8. Bundesverdienstkreuz 1989/1990.
    9. Verfassungsbeschwerde wird am 14.8.1992 vom BVG Karlsruhe angenommen (erster ausführlicher Bericht von Dr. Werner Graeser im LAG-Info Nr. 12 / Dezember 1992).
    10. ZDF–Talkshow mit Gerster erregt Dr. Werner Graeser (1994).
    11. Die Mitgliederversammlung 1995 ernennt Dr. Werner Graeser zum Ehrenvorsitzenden der LAG.
    12. 11.10.1996 „Goldenes Kronenkreuz“.
    13. Die „Augsburger Gespräche“, eine Idee von Dr. Werner Graeser werden aus der Taufe gehoben und am 22.3.1997 erstmals durchgeführt.

    Norbert Merz


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    Zeit zu einem Gespräch

    Zeit zu einem Gespräch, aber wie und was?
    Soll ein Gespräch mit einem Gefangenen therapeutisch bzw. pädagogisch sein? Ist es therapeutisch, pädagogisch, wenn ich meinem Gegenüber zu verstehen gebe, dass er seine bisherige Zeit im Gefängnis in keinster Weise zur Aufarbeitung seiner Tat genutzt hat. Ja, nicht das mindeste an Schuldeinsicht erkennen lässt. Und all das nicht für die Galerie, sondern letztlich für ihn wichtig sein könnte. Heißt es nicht: „... ein Leben in Freiheit und ohne Straftat“, und einen Paragraphen weiter, „... er wirkt an dieser Zielsetzung nach Kräften mit!“

    Deshalb bin ich der Meinung, therapeutisch, pädagogisch hin oder her, eine solche Auseinandersetzung, eine derartige Konfrontation gehört mit zu meinen Aufgaben, zu den Pflichten eines ehrenamtlichen Mitarbeiters. Würde ich nicht auch in meinem persönlichen Umfeld Probleme, Missstände ansprechen und unter vier Augen sogar vertiefen?

    Sehr häufig habe ich in Vorstellungsrunden gesagt, ich würde nur ein Stück des Weges mit dem Besuchten gehen wollen. Aber spricht man, wenn man auf dem Weg ist, nicht auch über dieses und jenes? Manchmal ist es Belangloses und manchmal geht es auch ans „Eingemachte“.

    Häufig habe ich mich gefragt, mit welchen Wertvorstellungen lebt mein Gesprächspartner? Und welche Defizite könnten im Gespräch aufgearbeitet bzw. „nachhaltig“ besprochen werden?

    Letztendlich musste ich feststellen, dass alles, ob therapeutisch, pädagogisch oder nur „ein Stück des Weges“, Sinn macht. Und hat das Gespräch nicht auch etwas mit der Frage zu tun: Warum gehe ich ins Gefängnis, warum besuche ich einen Strafgefangenen?

    Vor einigen Tagen rief mich ein sehr engagierter Ehrenamtlicher an und erzählte mir, dass sein Betreuter nach kurzem Aufenthalt in der Freiheit wieder verurteilt wurde und nun für viele Jahre in Haft bleiben muss. Wissen Sie, sagte er: „Der Mann war eigentlich sein ganzes Leben im Gefängnis. Fast glaube ich, dass er sich nur in der überschaubaren Welt des Gefängnisses zurechtfindet.“ Er beendete sein Telefonat mit den Worten: „Jetzt besuche ich ihn halt wieder in der JVA einnal im Monat!“

    Und was ist dann dieses monatliche Gespräch? Therapie, Pädagogik, Hafterleichterung, ein Stück des Weges oder nur Mitmenschlichkeit?

    In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gute Gespräche, was immer das auch sein mag!

    Norbert Merz


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    ... mein Leben zieht an mir vorbei ...

    Manchmal habe ich das Gefühl, mein Leben zieht an mir vorbei, so wie die Wolken am Himmel ziehen. Wie schnell ist die Zeit vergangen?
    Wie viel Schönes habe ich erlebt, wie viel ist an mir vorbeigegangen, weil die Hektik mir die Zeit nahm, zu genießen.
    Die Zeit ist mir so manches Mal zwischen den Händen zerronnen. Ich merkte, sie lässt sich nicht festhalten. Was ist die Zeit?
    Die griechische Mythologie kennt den Gott Kronos als Herrscher der Zeit. Der Sage nach verschlang er fast alle seine Kinder. Daher kommt der Ausdruck: „Die Zeit frisst ihre Kinder.“ Neben dem Kronos, der fortlaufenden Zeit, steht der Kairos, der Augenblick. Die Zeit erleben wir Menschen nur im Augenblick.
    Er ist wirklich wichtig und wesentlich, in ihm vergesse ich mich selbst. Es ist der Augenblick, in dem die Sonne hinter den Wolken hervorkommt.

    Aus „Mehr Zeit in deinen Händen“ von Heiderose Gärtner


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    Aber was ist denn nun „Zeit"?

    ... die unterschiedlichsten Definitionen darüber, was denn nun „Zeit" sei, weichen die Meinungen darüber so sehr voneinander ab wie bei keiner anderen Thematik. Für den einen ist „Zeit" nichts anderes als das, was ihm die Uhr an seiner Wand zeigt, für den nächsten ist sie ein stetiger Fluss, eine Empfindung, wieder für einen anderen ist sie nur eine mathematische Variable und manche Menschen glauben gar nicht, dass sie existiert.
    Ebenso unterschiedlich zeigt sich das Verhältnis verschiedener Menschen zur Zeit: Während sie für manche Leute reiner Luxus ist, haben andere so viel davon, dass sie nicht wissen, was sie damit anstellen sollen. Doch kann man überhaupt von „Zeit haben" sprechen? Ist es nicht immer nur eine Ausrede zu behaupten, man hätte keine Zeit?
    Komischerweise haben wir immer Zeit für das, wovon unser Leben abhängt, oder für das, was uns schlichtweg wichtig ist...

    „Zeit ist das, was wir daraus machen" schreibt M. Uhl.

    Vergeuden wir unsere Zeit im Zusammenwirken mit den Mitmenschen!


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    Verantwortung, verantwortlich? Oder wo sind meine Grenzen?

    ... umso wichtiger wird die Fähigkeit des qualifizierten Nein-Sagens und Grenzen zu ziehen, sich selbst zu schützen ...

    Verantwortung? Wer hat mir die Verantwortung auferlegt? Wofür bin ich verantwortlich? Wer hat das Recht und die Macht, mir die Verantwortung zu geben und mich verantwortlich zu machen?
    Wie heißt es im Grundgesetz: „Die Vertreter des ganzen Volkes ... und nur ihrem Gewissen unterworfen.“
    Diese Stelle: „meinem Gewissen verantwortlich ... nehme ich bei der Betreuungsarbeit auch für mich in Anspruch! Oder ist das falsch?
    Nun, unabhängig von meinem Gewissen werde ich meine Aufgabe, mein Engagement im Strafvollzug an den sich auftuenden Grenzen festmachen müssen.

    Grenzen:
    Wo sind meine Grenzen, wer nimmt darauf Einfluss? Diese Thematik, diese Problematik nimmt bei unseren Vorbereitungsseminaren und Grundkursen für neue Ehrenamtliche einen breiten Raum ein.
    Da sind zum einen meine eigenen Grenzen, wie Gesundheit, Belastbarkeit, Stressbewältigung, finanzielle und zeitliche Möglichkeiten, mein persönliches Umfeld, meine Freunde, meine Bekannten, meine Familie, meine Kinder, meine Angst und meine Bedenken.
    Dann gibt es aber auch die Grenzen, die sich aus dem System ergeben. Was erlaubt der Gesetzgeber, was macht die Justizvollzugsanstalt möglich und welche klaren Anweisungen werden mir bei der Aufnahme oder während meiner Tätigkeit gegeben.
    Aber letztlich ergeben sich Grenzen durch den Strafgefangenen, den Betreuten. Wer kennt nicht die Wunschkataloge, die Fantasien unserer Klientel, die oftmals die Realität verkennt.
    Noch einmal zurück zur Verantwortung. Bei meiner Vereinbarung „Betreuungsvertrag“ mit der JVA verpflichte ich mich zu einer bestimmten Aufgabe und Zusammenarbeit mit der Anstalt zum Wohle eines Gefangenen. Diese Vereinbarung verantwortungsvoll zu übernehmen, ist mir Verpflichtung.
    Aus dieser Arbeit mit dem Gefangenen ergeben sich zwangsläufig, weil der Gefangene von seinen positiven Begegnungen mit „seinem“ Ehrenamtlichen berichtet, Wünsche anderer Gefangener, an solchen „Hafterleichterungen“ zu partizipieren.
    Bin ich jetzt Gott und der Welt, der Gesellschaft und meinem Christentum verpflichtet bzw. verantwortlich, auch für den nächsten, übernächsten, überübernächsten Strafgefangenen Betreuer und Gesprächspartner zu sein? Bin ich jetzt und hier für die auch so kurz bemessene Zeit, die ich habe, verantwortlich? Bin ich verantwortlich für die „Not“ dieser Inhaftierten?
    Habe ich mich nicht schon irgendwann einmal mit meinen Grenzen befasst? Hatte ich damals nicht auch schon festgestellt, dass auch meine Familie ein Anrecht auf „meine Zeit“ hat?
    Muss ich mich nun wieder einmal fragen: Warum mache ich das, warum habe ich diese ehrenamtliche Betreuung übernommen? Was motiviert mich?
    Wo also liegen meine ureigensten Probleme? Und war da nicht die Feststellung: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!“
    Überforderung, keine Zeit zum Durchatmen, zum Reflektieren, zur Selbstkritik, zu einem Gespräch mit Freunden, zur Muße.
    Wo bleiben Meditation, Besinnung und Kraft schöpfen für die Verpflichtungen?
    Ein mir wohlgesonnener Mensch sagte einmal zu mir: „Wenn Sie Ihre Aufgabe, Ihre Mitmenschen ernst nehmen, dann müssen Sie mit Ihren Kräften haushalten und gesund bleiben wollen. Eine Kerze, die von beiden Enden abgebrannt wird, gibt nur halb so lange Licht. Und ob das Mehr an Leuchtkraft mehr wert ist?

    Norbert Merz


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    Erich Fischer

    Wer ist Erich Fischer? Ein sehr interessanter Mensch unserer Zeit, auch wenn ihn nur wenige kennen. Er gründete 1995 die „Internationale Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation". Die wichtigsten Stiftungsziele sind die Förderung von Kunst und Kultur, vor allem der Musik, die Verbesserung der Lebensbedingungen älterer Menschen und die Weiterentwicklung der Zivilisation.
    Die meisten Menschen, die sich etwas für den Strafvollzug interessieren, erfahren weniger über Erich Fischer, als viel mehr über seine Projekte, seine Engagements in den Justizvollzugsanstalten.
    Drei Projekte „Musik hinter Gittern" aus jüngster Vergangenheit sind „Klassik meets Jazz", „Gitarrenunterricht“ für 14 Jugendliche seit Herbst in der Jugendvollzugsanstalt Laufen-Lebenau und „Klavierunterricht“ für vier Strafgefangene in der Jugendstrafvollzugsanstalt Ebrach.
    Unter dem Motto „Klassik meets Jazz" begeisterten fünf Künstler mit Gesang, „Gitarre, Viola und Klavier in virtuosem Vortrag die jungen Zuhörer und brachten eine gelungene Abwechslung in den Gefängnisalltag.
    Wie äußerte spontan ein Jugendlicher Strafgefangener nach dem Konzert: „Bisher interessierte mich nur Techno und Rap. Jetzt erlebe ich zum ersten Mal, wie toll auch Klassik und Jazz klingen!"
    JVA-Chefin Renate Schöfer-Sigl beschreibt es so: „Die Stiftung ist im Frühjahr an die Anstalt mit dem Angebot herangetreten, vier jungen Männern hier Klavierunterricht zu spendieren“. Zwar hatte die Regierungsdirektorin so ihre Zweifel, ob klassisches Klavierspiel bei den jungen Leuten, die doch eher HipHop hören, so der Hit sein würde. Sie willigte trotzdem ein. Um sich dann durch das Interesse in der Entscheidung bestätigt zu sehen.
    Seit März treten vier Häftlinge zum Klavierunterricht im Kapitelsaal bei Vitali Hertje an. Drei Mal wöchentlich je 45 Minuten, einmal davon handelt es sich um Musikunterricht, sind die Jungs bei und mit dem Instrument eingesperrt.
    Norbert Merz


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    Amberg - Leben im Eis

    „Leben im Eis" zu sehen hinter Gittern
    Bilderausstellung von Eva Kobler in Kirche der Justizvollzugsanstalt Amberg eröffnet
    Die Kirche der Justizvollzugsanstalt mag ein etwas ungewöhnlicher Ort für eine Bilderausstellung sein. Die Künstlerin Dr. Eva Kobler aus Mahlberg bei Lahr in Baden-Württemberg möchte aber gerade auch Gefangenen eine Freude mit ihren Werken machen und folgte nun einer Einladung des örtlichen Anstaltsgeistlichen Pfarrer Reinhard Schmitz zur Eröffnung ihrer Schau mit dem Titel „Leben im Eis" in Amberg.
    Der stellvertretende JVA-Leiter Peter Möbius freute sich über die Schau und begrüßte es, dass die Bilder die Gefangenen nicht nur zum Nachdenken, sondern auch zum eigenen Versuch mit Farbe und Pinsel anregen würden. Schmitz bestätigte ein solches Interesse aus seinen beruflichen Erfahrungen. Oft habe er erlebt, dass sich Gefangene von ähnlichen Bilderausstellungen begeistern ließen.

    Selbst etwas schreiben, selbst malen und gestalten, Musik machen und Musik und Gesprochenes auf sich einwirken lassen, das sind die Erlebnisse, die viele Strafgefangene noch nie erlebt haben. Wird nicht häufig das Gefühle, Emotionen zeigen, als Schwäche interpretiert?


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    Umweltprojekt-Landshut

    Und noch ein interessanter Einsatz: „Gefangene wirken bei einem Umweltprojekt mit!“
    Wie schon einige Male zuvor hatte Ludwig Schmaus von der JVA Landshut einen Trupp Freiwilliger zusammengestellt, die die Naturschützer fleißig unterstützten. Ohne die Hilfe der JVA, so Johannes Selmansberger, der Ortsgruppenvorsitzende und Organisator der Aktion, wären solche Projekte kaum zu verwirklichen. Im südlichen Bereich dominiert eine Streuobstwiese mit altbewährten Obstsorten wie Gewürzluikenapfel, Landsberger Renette, Weißer Winterglockenapfel, Hauxapfel Prinz Albrecht, Goldparmäne und Boskop. Entlang der Grundstücksgrenzen wurden Vogelschutzhecken mit Schlehen, Rosen, Hundsrosen aus dem Ziegelberggebiet, Kreuzdorn, Hartriegel, Wolliger Schneeball, Haselnuss, Wildbirne, Wildkirsche und Wildapfel gepflanzt. Es wurde darauf geachtet, dass in erster Linie autochthones, aus der Region stammendes, Pflanzgut verwendet wurde. Insgesamt 380 Bäume und Sträucher mussten eingepflanzt und zugeschnitten werden, 190 Posten wurden eingeschlagen und 500 Meter Wildschutzzaun mussten aufgebaut werden.


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    1628 meint

    Prolog oder Epilog - wie Sie wollen - zu: „Ein Gefangener auf dem Gefängnisdach“.
    Liebe Leser,
    Überlegungen wie: Schuld und Sühne – Opferschutz, Opferbetreuung – Zurechnungsfähig oder nicht – Zur Tatzeit voll / nicht voll verantwortlich – Eingestehen von Schuld, Vergeben von Schuld – Schutz der Öffentlichkeit vor Straftätern – „Tickende Zeitbombe“ oder andere moderne „Schlagwörter“ – Ist das Urteil der Tat angemessen oder nicht – Strafaussetzung zur Bewährung ja / nein – usw., habe ich bewusst bei dieser Betrachtung ausgeklammert.
    Mein Thema ist nur der Mensch in Haft, der Mensch nach der Entlassung aus der Haft.
    Ich würde mich freuen, über meine Glosse oder über die genannten Punkte, die ja genau so wichtig sind, einen Beitrag von Ihnen in der nächsten LAG-Info zu lesen.
    16 28

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    16 28 meint Dezember 2006
    Ein Gefangener auf dem Gefängnisdach – Dunkel gekleidet, Hände in den Hosentaschen, Blick nach unten, ein Grinsen im Gesicht, so stand und ging er oben auf dem Dach der JVA. Was wollte er da? War es „sein“ großer Auftritt, war es „sein“ Tag? Im Fernsehen konnten wir, „live“ miterleben, wozu ein in die Enge getriebener Mensch fähig ist. Der Prozess über ihn und seine wahrscheinliche Tat, war für die Berichterstatter und die breite Öffentlichkeit nur noch Formsache, das vernichtende Urteil könne nur noch lauten: „Auf Dauer wegsperren“. In einer Zeitung rechneten die Vertreter des Opfers schon in Mark und Pfennig – (Euro und Cent) aus, wie viel Entschädigung der Gepeinigten denn nun zustehe.
    Die Hauptverhandlung hatte noch nicht einmal richtig begonnen, ist für die Medien und für einige direkt Beteiligte schon alles gelaufen, alles ist klar: Tot durch „Vergessen“ in einer JVA.
    Da begehrt der Gefangene, der mutmaßliche Täter, auf, er steigt auf das Dach der JVA. Die „Zuschauer“ sind ratlos: „Ja, was will der denn? Hat so einer überhaupt noch Rechte? Muss sich die Öffentlichkeit von „dem“ so was gefallen lassen? „Sollte man ihn da nicht einfach runterschießen“? Er könnte doch eigentlich auch „springen“ oder nicht ...? „Man“ ist entrüstet über soviel Dreistigkeit!
    Ich meine, er hat durchaus noch das Recht, gehört zu werden und sich zu verteidigen. Die Medien, die Öffentlichkeit müssen sich bitte ebenso an die Prozessordnung in unserem Staat halten wie die Gerichte. Es darf keine Vorverurteilung geben. Ist ein Angeklagter „schuldig“, bekommt er seine Strafe aber eben erst am Ende der Verhandlung, von einem Richter, und dann auch zu Recht, es wird Recht gesprochen! Ohne das Recht, ohne die Prozessordnung, wird jedes Urteil, jede Strafvollstreckung unberechenbar sinnlos und absurd. Lustige und verdrehte Fernsehverhandlungen in allen Variationen haben wir ja schon . Reale Wirklichkeit dürfen diese Machwerke der unterhaltenden Rechtsprechung aber nie und nimmer werden. Ich erinnere nur an den unsäglichen „Maschendrahtzaun“ mit seinem „Knallerbsenstrauch“, das war doch ein Unding sonders gleichen, blamabel für alle Beteiligten! Urteile „im Namen der Medien“ brauchen wir nicht.
    Ein Gefangener auf dem Gefängnisdach – Für mich war das kein Bild der Stärke, der Selbstsicherheit, des überlegenen Handelns. Es war auch kein Verhöhnen seines Opfers. Ich glaube sogar, dass er an das Opfer, in dieser Situation, gar nicht gedacht hat, er war mit sich selber zur Genüge beschäftigt. Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen wollen dem Leser, dem Zuhörer, dem Zuschauer nur einreden, dass dieser Mann so denkt, so abgründig handelt. Er muss zur „Bestie“, zum „Unmenschen“ werden, das erhöht die Auflagen, das bringt Einschaltquoten. Nachbarn, Freunde, Bekannte von ihm werden „live“ auf der Straße befragt. Wer getraut sich da noch, ein gutes Haar an diesem Menschen zu lassen? Eine „öffentliche Meinung“ über den mutmaßlichen Täter wird „gemacht“!
    Ist das die Pressefreiheit, die Medienfreiheit, die es laut Grundgesetz zu verteidigen gilt? Von einem verantwortlichen Umgang mit Nachrichten habe ich eine andere Vorstellung. Diese „Hau-Drauf“–Berichterstattung mancher Medien ist schon beängstigend; - und keine Stelle gebietet Einhalt, obwohl sie es könnten! Fürchtet man sich schon wieder vor dem Druck der „Straße“? Alle anderen Nachrichten sind dann wohl auch nur noch mit Vorsicht zu genießen?!
    Ich habe Mitleid mit diesem Menschen auf dem Dach – nicht mit dem mutmaßlichen Täter – das kann ich trennen!
    Darf ich überhaupt mit solch einem Menschen Mitleid haben? Ich darf! Diese Freiheit nehm ich mir. Auch wenn seine wahrscheinliche Schuld riesengroß ist, ein Mensch bleibt ein Mensch. Er ist doch ein Geschöpf Gottes – nicht des Teufels. „Lieber Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser da“. Ja – prima! Ich muss nicht verstehen, warum manche so oder so sind. Ich muss auch nicht mit allem einverstanden sein, was andere tun oder sagen. Jeden Menschen so nehmen, wie er ist, nicht wie er sein soll, ist meine Aufgabe. Mit einem Betreuten gehe ich ja auch nur ein Stück des Lebensweges, ich will ihn nicht vereinnahmen. Wenn ein Mitmensch „anders“ ist als ich selber, als die meisten Leute in unserer Gesellschaft, sollen wir uns dann nicht erst recht um ihn kümmern? „Er passt nicht in unsere Norm, nicht einmal in die eines Straftäters“. Müssen wir ihn deswegen verdammen, uns abwenden? Einen Menschen einfach fallen lassen?
    Wenn es der eine oder andere kann - ich kann es nicht! Ich will es auch nicht! Jeder verdient nochmals eine Chance.
    Ob nun dieser Gefangene aus der JVA Dresden oder der Entlassene aus der JVA St. Georgen, sie waren eben schon mal in Strafhaft.
    „Im Vollzug der Freiheitsstrafe soll der Gefangene fähig werden künftig in .... usw., usw“.
    Beide, wie viele andere auch, wurden nicht „fähig“. Der Strafvollzug hat bei ihnen nicht gewirkt. Ist das überraschend? Im Strafvollzug müsste weit mehr geschehen als zur Zeit! Jeder Bürger ist in der Pflicht. Gefangene müssen auf die Freiheit „vorbereitet“ werden. Wir sind aber viel zu wenig Ehrenamtliche im Strafvollzug, können wir noch zulegen?
    Sie werden sich nun bestimmt fragen, warum ich, 16 28, so reden, schreiben, denken und handeln kann. Es wird Ihnen vieles unverständlich oder unlogisch erscheinen. Manch einer wird sogar sagen: „Der 16 28 ist doch mehr oder weniger ein einsamer Spinner“. Das kann ja auch so sein. Nur, wer lange in Strafhaft war, ist geprägt von dem Erlebten, eben vom „Erleben der Haft“ und muss diese Zeit erst einmal aufarbeiten.“ Jeder Gefangene ist davon betroffen, richtiger: jeder Entlassene. Der Unterschied zu anderen und mir ist lediglich: Ich denke über alle Gereimtheiten und Ungereimtheiten des Strafvollzuges nach und dann spreche und schreibe ich darüber, auch für Sie, in dieser LAG-Info, damit wir erkannte Mängel abstellen können.
    Die Verhaltensweisen, die mir im Gefängnis aufgezwungen wurden, kann auch ich teilweise nicht mehr ablegen, ich werde weiter mit ihnen leben müssen, unbeschadet kommt keiner aus einer längeren Haftzeit heraus. Viele Gedankengänge sind dann einfach anders. Das Gehirn, so glaube ich, funktioniert nicht mehr so wie zuvor. Das Instinktive, das Urzeitliche im Menschen wurde wieder geweckt. Alles, was durch Erziehung und Kultur überdeckt war, ist aktiviert, um zu überleben, um zu bestehen. Der Mensch wird wieder auf sich selber reduziert!
    Nur der Schnellste, der Stärkste, der Listigste kann sich behaupten, ist anderen und der Situation überlegen. Eine Überlebensstrategie bildet sich aus, ohne mein Zutun! Die „Subkultur Gefängnis“ hat den Gefangenen voll im Griff. Der Schutz durch die Familie, die Sippe, den Stamm ist nicht mehr gegeben. Der Gefangene steht allein im feindlich empfundenen Umfeld.
    Der Nachtschlaf bleibt nur leicht, bei jedem kleinsten Geräusch ist man hellwach und verfällt sofort in „Lauerstellung“. Dieses „Immer auf dem Sprung sein“ ist bei mir jetzt noch besonders ausgeprägt.
    Auch das Spüren, das Riechen von Gefahr, mit einem „Kribbeln“ im Hinterkopf, ist jederzeit präsent. Mitgefangene haben mir bestätigt, dass Gefahr einen eigentümlichen Geruch hat. Ich weiß nicht, wer, was oder welche Drüsen diesen Duftstoff produzieren, ich weiß nur, dass der Geruch da ist, unverwechselbar liegt er dann in der Luft. Gefahr spüren kann in Haft ungeheuer wichtig sein, auf alle Fälle ist es „gesundheitserhaltend“. Auch das ist „Strafhaft“! Ist dies vom Gesetzgeber so gewollt? Ist das Teil der Strafe?
    In meiner Haftzeit habe ich Fähigkeiten und Eigenschaften entwickelt, von denen ich selber überrascht war und bin, Schwächen anderer auszunützen, eingeschlossen. Nur der Verstand verhindert meist die Umsetzung in die Tat. Mangels Masse ist es bei manchen anders. Es gibt genügend Gefangene, die im Gefängnis – ob in U-Haft oder Strafhaft – zu extremen „Spontan-Aktionen“ neigen. Ist das verwunderlich? Bleibt dieses Handeln doch oft der einzige vermeintliche Ausweg für den Gefangenen, auf sich, auf seine Lage aufmerksam zu machen. Er hat Angst! Wie geht das Leben für ihn nun weiter? Was wird mit ihm geschehen? Der Strafvollzug wird ihn verändern – nicht immer zum Guten! Das ist allen, die mit Straftätern umgehen, bekannt. Muss das aber so hingenommen werden?
    Verstehen Sie mich richtig:
    Ich verteidige Straftäter nicht und bedauere sie auch nicht, ich beschreibe nur, wie einem Gefangenen zumute ist, weil ich vieles selber erlebt habe. Ich kenne Knast nicht nur vom „Hörensagen“.
    Wenn ein Gefangener auf das Gefängnisdach steigt, seine Zelle „zerlegt“, Beamte/Gefangene angreift, so kann ich auch das sehr wohl verstehen, mir sind auch solche Gedanken „vertraut“. In keinem Falle halte ich aber überzogene Handlungen für gerechtfertigt, das sage ich auch den Gefangenen bei meinen Besuchen.
    Einem Straftäter, der Lebenslang hat oder zu erwarten hat – oder auch „nur“ 10–15 Jahre –, dem ist mit Vernunftgründen nicht mehr beizukommen. Was hat er noch zu verlieren? Über den Freitod, das „Große Amen“, dachte er bestimmt auch schon nach. Jeder, ich sage „jeder“ Langstrafige beschäftigt sich in den langen, langen schlaflosen (!!!) Knastnächten mit solchen Dingen. Vor dem geistigen Auge läuft Seltsames ab.
    Ist es dann wirklich so außergewöhnlich, wenn der eine oder andere dem Druck seiner eigenen Gedanken erliegt? Besonders Einfältige setzen Gedankenspiele oft recht schnell in die Tat um.
    Frage: Wer ist denn da für den Gefangenen in seiner als ausweglos empfunden Lage? Die Straftat ist auch für den Täter ein Ereignis von ganz einscheidender Wirkung für sein weiteres Leben. Mit Plattheiten wie: „Selber Schuld“ – „hätte er sich vorher überlegen sollen“ - „dem ist sowieso nicht zu helfen“ – ist es nicht getan, das hilft nicht weiter. Man müsste sich schon selber aufraffen und etwas im Strafvollzug tun.
    Geschultes Personal, Beamte, Hauptamtliche, Ehrenamtliche und was sonst noch alles in einer JVA aus- und eingeht, sollte auch auf Situationen vorbereitet sein, die nicht alltäglich sind. Wobei für mich Gefangene auf dem Gefängnisdach so, „neu“ so „einmalig“ nicht sind. Für Geiselnahmen in einer JVA gilt das Gleiche. Ich wundere mich schon, dass so was überhaupt noch möglich ist. Diese „Tricks“ sind doch schon recht abgedroschen.
    Weil es denn so ist wie es ist, soll unser Bestreben in der LAG sein, sehr, sehr, viele ehrenamtliche Mitarbeiter in die JVAs zu schicken, um die Gefangenen zu überzeugen, dass das Leben „nach“ einer JVA weitergeht und dass es auch ohne neuerliche Straftaten sinnvoll weitergehen kann und muss. Die Weichen werden im Strafvollzug neu gestellt. Am Schalthebel soll ein Ehrenamtlicher stehen.
    Der Gefangene muss begreifen, muss zu der Überzeugung gebracht werden, dass durch sorgfältige Lebensplanung, durch richtiges Einschätzen der eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten, Straftaten verhindert werden, zum eigenen Vorteil.
    Denken macht aber Mühe! Viele verharren nach der Entlassung weiter gedanklich in der Subkultur Knast, mitsamt seinem verheerenden Weltbild, man ist es doch jetzt so gewöhnt: „Warum soll ich es ändern“?! Und doch muss es sich wieder ändern. Sie können es aber nicht ohne Hilfe.
    Zurück zu unserem Gefangenen auf dem Dach ... Ich frage Sie, liebe Leser, wo sind in den ersten Tagen, Wochen, Monaten nach der Tat die helfenden Hände? Wo sind in dieser Zeit die ewigen Klugscheißer und Besserwisser, die nach einer menschlichen Katastrophe alles schon vorher wussten? Aber auch dann fühlen sie sich in ihrem „Rübe-ab-Urteil“ im Nachhinein auch noch bestätigt. Sie wollen nur Rache, keine Gerechtigkeit! Wo sind in den ersten Tagen nach der Tat die Fachleute, die Wissenschaftler, die alles genau begründen können aber trotzdem nichts tun? Für einen Fernsehauftritt haben sie immer Zeit – auch für einen Gefangenen in seiner Not??! Diese widerwärtige Heuchelei geht mir sowieso auf den Geist.
    Wer steht – außer dem Pflichtverteidiger vielleicht – dem Einfältigen, dem, der von Problembewältigung noch nie etwas gehört hat, mit Rat und Tat zur Seite? Einen „Lehrgang“ für Strafanfänger müsste es geben!
    Und was bedeutet in diesem Zusammenhang die Feststellung, dass der Dachbesteiger einen „I-Q“ von 130, oder was weiß ich, haben soll? Muss uns das überzeugen, dass er uns allen überlegen ist? Wenn „ja“, in was?
    Wie er da steht, auf dem Dach – wirklich ein Bild von „geistiger Größe“ von „Intelligenz“ und von „Ausstrahlung“ - ! „130“ ha – ha !
    Dann doch lieber etwas „dumm“ sein, so wie ich, aber das Leben wieder „auf die Reihe“ bringen.
    Wenn Sie es genau wissen wollen: Der Gefangene auf dem Gefängnisdach ist für mich eine vom Trieb besessene Einfältige „arme Sau“, ein ausgesuchter „Dorfdepp“. Ohne Hilfe schafft er es nie und nimmer, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen. Angebotene Hilfe, wenn sie denn kommt, muss er aber auch annehmen, sonst verpufft sie. Begleitung durch die gesamte Haftzeit, vom ersten bis zum letzten Tag, sollte für ihn angesagt sein.
    Es gibt noch genügend andere Inhaftierte, die es auch nicht gelernt haben, die überhaupt nicht in der Lage sind, ihre momentane Situation richtig einzuschätzen, geschweige denn, eine Planung für das weitere Leben – in Haft und auch danach – aufzustellen. Auch das wissen alle zuständigen Stellen im Strafvollzug.
    Wenn man Bildung und Wissen der meisten Gefangenen in die heutige Zeit übersetzt, kann man es so beschreiben: Das Denkvermögen ist mit einem Computer vergleichbar, fast alle Menschen haben einen umfassenden Speicher. Manch ein Straftäter hat aber statt dessen nur eine „Nintendo-Spiele-Konsole“ zur Verfügung, was kann er damit schon anfangen? Und da hat er noch einen „Virus“ drauf! (Dieser Sachverhalt ist leider nicht nur auf Straftäter beschränkt.)
    Nach einer Entlassung aus der Haft ist eben das Knastverhalten, wie schon gesagt, nicht so einfach wieder abzulegen, manches bleibt haften. Wenn man aber um dieses Phänomen weiß, kann und muss man damit umzugehen versuchen. Hilfe tut Not!! Auch vom Gesetz her!
    Bei aller Rückfallvermeidung, bei aller Resozialisierung, scheint mir diese Problematik des Nicht-wieder-Zurückfindens äußerst wichtig, wird aber weitgehendst vernachlässigt. Hier müssen die JVAs ansetzen, hier liegen viele Wurzeln des Übels „Rückfall“!
    Für mich hat es doch eben einen Grund, warum einschlägig Vorbestrafte immer wieder und wieder ins Gefängnis kommen. Von einem „normalen“ Verhalten kann man da wirklich nicht mehr sprechen, zudem, wenn es dann auch noch zu solch unsinnigen Dachbesteigungen kommt.
    Es wird doch kein Mensch als Verbrecher geboren. Irgendwann, irgendwo geschieht etwas, muss das so sein? Wie kann man was wann tun? Sicher ist nur, man muss etwas tun!
    Machen wir uns doch nichts vor: Unser Strafvollzug ist schon lange nicht mehr auf dem neuesten Stand der Wissenschaft!!
    Auch unsere Arbeit ist zu überdenken und auszurichten. Wo sehen wir den Platz des Ehrenamtlichen im Strafvollzug der Zukunft? Wenn wir uns mehr anstrengen, mehr engagieren, wird der Vollzug nicht schlagartig besser, aber er würde auf alle Fälle menschlicher, und darauf ließe sich dann kontinuierlich aufbauen. Die Ehrenamtlichen brauchen keine Macht, aber sie brauchen Einfluss!
    Wir sollten auch darüber mal reden! Bei der Straubinger Tagung?! (Auch solche Themen würden diese Veranstaltung in jeder Beziehung aufwerten, zu einer Fachtagung der Ehrenamtlichen im Strafvollzug.)
    Der Gefangene auf dem Gefängnisdach - Ausdruck der Hilflosigkeit auf beiden Seiten.
    Aber auch Hoffnung, weil man nun darüber nachdenken muss. Unbewusst hat dieser Mann doch etwas bewirkt. Ich hoffe, dass er bei seiner Entlassung - die kommt eines Tages bestimmt - einen Ehrenamtlichen hat, der ihn betreut.
    Wie er da stand, auf dem Dach, von den Medien ein hochgespielter, fast unwirklicher Einzelfall, nur eine „Schlagzeile“ für ein paar Tage.
    Die vielen Gefangenen in unseren JVAs, die ohne ehrenamtliche Hilfe keine Chance auf ein geordnetes Leben nach der Entlassung haben, sind aber vielfältige traurige Realität, Monat für Monat, Jahr für Jahr.
    Für die „Täter“ können wir noch wenig tun, für die „Menschen“ in ihnen aber sehr, sehr viel, gehen wir es wieder an, machen wir unbeirrt weiter!

    Ihr 16 28
    (sechzehn-achtundzwanzig)
    (16 28 war/ist meine Gefangenenbuchnummer aus einer JVA in Oberbayern)

    Ps: Am 15.12.2006 verstarb Dr. Werner Graeser im 92. Lebensjahr. Ich verneige mich in Ehrfurcht. Über 30 Jahre war ich mit Werner freundschaftlich verbunden. Er war einer der ganz Großen in der Gefangenenbetreuung. Ein Streiter für die Sache der LAG ist von uns gegangen.


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    Termine

    Augsburger Gespräche 2007
    Samstag, 24. März 2007, 9:00 bis 17:00 Uhr
    Kloster St. Stephan in Augsburg

    Nürnberger Gespräche 2007
    Samstag, den 28. April 2007 von 10.00 bis 13.00 Uhr
    im „eckstein“ Burgstr. 1-3, 90403 Nürnberg

       „Die Prognose zukünftiger Straffälligkeit“
       Welche Standards müssen forensische Gutachten erfüllen?
       Wo liegen ihre Grenzen?

    Straubinger Tagung 2007
    vom 6. Juli bis 8. Juli 2007
    Justizvollzugsschule Straubing

    Mitgliederversammlung 2007 / Wahl
    15. September 2007, 10:00 Uhr
    in Augsburg
    Hotel Riegele, Viktoriastraße 4, gegenüber Hauptbahnhof


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    Werte sind Leitplanken auf

    dem Weg in die Zukunft

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    © LAG 2007-02-09