Landesarbeitsgemeinschaft ehrenamtlicher Mitarbeiter im Strafvollzug Bayern e.V.
Ehrenamt-im-Strafvollzug

LAG - Info Nr. 55


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Lebensraum Bauernhof

    Inhaltsverzeichnis

Auf ein Wort
Bauernhof
Wiedereingliederung
Internetplattform
Lebensraum


Pilotprojekt
Die Lehre
JVA Erlangen
Fachambulanz
Ende der Resozialisierung

Angst vor
Therapie statt Training
Bernd Blum
Fachleute gefragt
In einer anderen Welt

Interessante Sichtweise
1628 meint
Vorurteil-Meinung
Reflexion
Man spricht Deutsch

Rettet das StvllzG
Klientel von morgen
Arbeitslosigkeit
Bundesverdienstkreuz

Aus den Regionen
- Kempten
- Straubing
- Nürnberg
Leserbriefe
Newsletter

Bücher/Filme
Presseclub
Beitrittserklärung
Termine
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Auf ein Wort

Liebes Mitglied, liebe Leserin, lieber Leser!

Zum Bauernhof und den unterschiedlichsten Hinweisen und Anstrengungen zur Wiedereingliederung läge mir doch sehr am Herzen, auch von den Fachleuten, den Psychologen, den Sozialpädagogen der JVA etwas zu erfahren. So interessierte mich, wie diese Thematik (Seite 23!) beurteilt wird, was das Klientel dazu abwehrend zu sagen hat, etc. Vielleicht findet die eine oder andere Persönlichkeit des Fachdienstes die Taste für einen kurze Mail. Danke!
Noch ein Anliegen habe ich. Wie Sie wissen, bieten wir alle zwei Jahre in den Augsburger Gesprächen ein besonders aktuelles Thema an, das uns dann von namhaften Experten aufgezeigt und zur Diskussion geboten wird. Im März 2007 stünde das nächste „Augsburger Gespräch“ an.
Was wäre für Sie von Interesse, was würden Sie gerne behandelt wissen, welche Experten würden Sie gerne „erleben“? Schreiben Sie mir (Mail, Brief, Fax).
Mitte März hat uns ein Spenden-Engel, ein großzügiger Frühlingsbote heimgesucht. Danke, Frau Schwanhäußer, für den 1000-Euro-Scheck.
Ihr
Norbert Merz

 

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Bauernhof

Lebensgemeinschaft
Die Betreuungsarbeit geschieht im Rahmen einer Lebensgemeinschaft. Sie setzt sich zusammen aus Mitarbeitern, Mitarbeiterfamilien mit Kindern und unseren Mitbewohnern".

Lebensraum Katzenloh
Das Eingebundensein in den Jahreskreislauf ermöglicht eine neue Schulung der Wahrnehmung: Was ereignet sich in der Natur?

Familienanschluss
„Er ist Teil unserer Familie. Wer die ländliche Struktur noch kennt, weiß um die ledigen Töchter und Söhne, die auch auf dem Hof bis zu ihrem Tod bleiben konnten. Und so wird das auch mit dem vor 20 Jahren Entlassenen sein, wenn er das will!“

 

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  Wiedereingliederung für benachteilige Menschen via Landwirtschaft

Immer mehr landwirtschaftliche Betriebe ermöglichen benachteiligten Menschen einen Einstieg in das Arbeitsleben. Als Beispiele sind zu nennen Betriebe, die mit Wohnsitzlosen, mit Drogenabhängigen sowie mit alkoholkranken Menschen arbeiten. Insbesondere für die Arbeit mit Behinderten kann von einer Wiederentdeckung der Landwirtschaft und des Gartenbaus gesprochen werden. Und wir möchten ergänzen: entlassene Strafgefangene. Das deutsche Verbraucherschutzministerium unterstützt ein Projekt von FiBL Deutschland, mit dem europäische Initiativen vernetzt werden sollen, die in der Landwirtschaft einen Beitrag dazu leisten, benachteiligte Menschen in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Damit sollen folgende Ziele erreicht werden: 1. Erfahrungsaustausch und Weiterentwicklung dieses Bereichs
2. Stärkung und Ausweitung dieser Aktivitäten
3. Öffentlichkeitsarbeit für diese Arbeit
4. Dokumentation, dass Landwirtschaft über die Lebensmittelproduktion hinaus
   als multifunktionelle Landwirtschaft noch weitere Leistungen erbringt.
Als Maßnahmen sind eine Tagung und eine Internetplattform vorgesehen:

Tagung
Eine internationale Tagung zum Thema soll Impulse für eine verstärkte Vernetzung geben. Die Ergebnisse der Tagung sollen in eine neu geschaffene Internetplattform einfließen.
Internetplattform
Aufbauend auf der Website www.gruene-werkstatt.de soll eine Internetplattform errichtet werden, die Informationen zu sozialen Projekten in landwirtschaftlichen Betrieben gebündelt bereitstellt. Als gemeinsames Forum steht das Internetangebot den Akteuren als aktives Instrument sowohl zur internen als auch externen Kommunikation zur Verfügung. Projektteilnehmer auf nationaler wie auf internationaler Ebene können die Internetplattform gleichermaßen zum Informationsaustausch und zur Öffentlichkeitsarbeit nutzen. Dies wird durch den Einsatz eines Content-Management-Systems (CMS) erreicht, das eine dezentrale Pflege der Informationen und Daten durch die Akteure selbst ermöglicht.

Weitere Informationen:
Kontaktperson am FiBL:
Robert Hermanowski

 

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  Lebensraum Bauernhof - Jahreskreis - Natur

Das Eingebundensein in den Jahreskreislauf ermöglicht eine neue Schulung der Wahrnehmung:
Was ereignet sich in der Natur? Wie verändert sie sich? Welche Rolle spielt das Wetter für die Arbeit auf dem Hof?
Über die Wahrnehmung des Außen letztlich zur Wahrnehmung des Innen gelangen:
Wie ist mein eigenes Befinden? Wie fühlt sich mein Körper? Wie mein Ich?
Das Leben in und mit der Natur lässt Zusammenhänge erkennen.
Beispiele: Ich kann nur mähen bei gutem Futterstand und stabiler Wetterlage. Damit die Tiere draußen zu fressen haben, muss der Zaun umgesetzt werden, wenn die Weide abgegrast ist. Damit im Haus Räume und Wasser warm sind, muss Holz zum Heizen gemacht werden.
Der Lebensraum Katzenloh ist eine verbindliche generationsübergreifende Arbeits- und Lebensgemeinschaft.
Das bieten Markus Höbel, Dipl.-Theologe, Pädagoge, Analytischer Team- und Gruppenleiter (Ausbildung bei der Gesellschaft für analytische Gruppendynamik, GAG, München), Landwirt, Landmaschinenmechaniker, und Carola Abel, Dipl. Dolmetscherin und -Übersetzerin, Verwaltungsfachfrau, gemeinsam in einem schönen Einödbauernhof bei Altusried, Kreis Oberallgäu, an.

 

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  Ein Knast für das Leben in Freiheit

Fränkischer Tag Bamberg, 04.01.2006

Ein Knast für das Leben in Freiheit
In der Justizvollzugsanstalt Erlangen werden schwere Gewalttäter therapiert
von Evi Seeger
ERLANGEN. Es klingt paradox: Die Vollzugsanstalt Erlangen in der Schuhstraße ist eine bei „schweren Jungs" gefragte Einrichtung. Grund: Dort hat man sich auf die sozialtherapeutische Behandlung von Gewalttätern spezialisiert.
Die Zimmer sind winzig, Arbeit ist Pflicht und die Therapie ist auch nicht ohne. Dennoch hat Elsava Schöner, Leiterin der Justizvollzugsanstalt Erlangen, wesentlich mehr Bewerbungen von Strafgefangenen als sie aufzunehmen in der Lage ist.
Resozialisierung sei kein weicher Vollzug, sondern „vorbeugender Opferschutz", erklärt die Anstaltsleiterin. Das bedeutet Schutz der Allgemeinheit vor weiteren Straftaten, im Falle der Gewalttäter vor Mord und Totschlag. Ist es die Hoffnung auf ein doch noch normales Leben nach dem Vollzug, weshalb sich Strafgefangene aus bayerischen Gefängnissen vermehrt um einen Platz in Erlangen bewerben?

Keiner suchte das Weite
Die dort gebotene Therapie ist jedenfalls umfassend und Erfolg versprechend. Lediglich Sexualstraftäter werden hier nicht behandelt, für sie sind andere Einrichtungen zuständig. „Wunder können wir aber nicht vollbringen" sagt Schöner mit dem Hinweis auf Täter, die „eine jahrzehntelange kriminelle Energie hinter sich haben". Nicht ganz ohne Stolz belegt sie ihre Erfolge. In den letzten elf Jahren hat es bei Urlaub und Ausgang nicht einen einzigen „Versager" gegeben. Alle kamen wieder freiwillig zurück.
Da die meisten Gefangenen Probleme mit Alkohol und Drogen haben, wird streng darauf geachtet, dass sie auch außerhalb der Anstaltsmauern der Versuchung widerstehen. Nein-Sagen lernen. Von den „Freigängern", die außerhalb der Anstalt einer Arbeit nachgehen, musste in zehn Jahren nur ein einziger zurückgeholt werden.
Vorn „Normalvollzug" unterscheidet sich die Erlanger Anstalt nicht nur hinsichtlich ihres Konzepts, sondern auch durch eine geringere Rückfallquote. Dabei dürfe nicht außer Acht gelassen werden, weshalb und nach welcher Zeit ein Ehemaliger rückfällig werde. Es mache einen Unterschied, ob es sich bei einem Rückfall wieder um ein Gewaltdelikt oder etwa um eine Beleidigung handelt.
Die Zahl der Täter, die aufgrund von Gewaltdelikten einsitzen, machen in der Erlanger Einrichtung knapp 90 Prozent aus. „Wir gucken uns die Bewerber genau an", versichert die Anstaltsleiterin. „Ist er motiviert, wirklich etwas zu tun", werde versucht, ihn aufzunehmen.
Für die 41 Haftplätze steht ein zehnköpfiges Team von Psychologen und Sozialpädagogen zur Verfügung. Zwei bis vier Jahre dauert die Therapie, Während der sowohl einzeln als auch in Gruppen gearbeitet wird. Bei Gewalttätern sei es wichtig, die besonderen Ursachen ihrer Aggressivität auszuloten und mit einem Anti-Gewalttraining gegenzusteuern.
Die überwiegende Zahl der Gefangenen kommt aus sozial und kulturell benachteiligten Gruppen. Häufig sind Persönlichkeitsprobleme wie ein geringes Selbstwertgefühl, Suchtprobleme, Gefühlskälte, eine fehlende Moralentwicklung und hohe Aggressionsbereitschaft anzutreffen. An diesen Schwerpunkten orientieren sich auch die Trainingsmaßnahmen. Zuhören lernen, Gefühle und Gesichtsausdrücke erkennen gehört ebenso dazu wie die Kontrolle von Arger und Aggression, die Auseinandersetzung mit der eigenen Straftat und der Umgang mit Lob und Kritik. Zeige der Gefangene Mitleid oder Schuldgefühle, sei das ein Zeichen, dass die Therapie greift.
Neben den „sozial-emotionalen Fertigkeiten" sind es aber auch ganz praktische Dinge, die den Häftlingen in Erlangen beigebracht werden. Viele sind „völlig entfremdet", ja sie kennen nicht mal den Euro, wenn sie schon jahrelang in Haft sind. Eine Hauswirtschafterin unterweist sie in Körperhygiene, Waschen, Bügeln und Putzen. Dass sie lernen, einfache Gerichte zu kochen, ist wichtig, damit sie nach der Entlassung nicht immer in Kneipen herumhängen müssen. Telefonieren, Benimmkurse, sogar die Art der Selbstdarstellung und Bewegung wird - mittels Kamera - eingeübt. Ergänzend wird Unterricht in Deutsch und Mathematik, Schuldnerberatung und die Vorbereitung auf die Entlassung, beispielsweise durch Integration in Vereine angeboten.
Ein wichtiger Baustein des therapeutischen Konzepts ist die Beschäftigung der Strafgefangenen. Sie arbeiten im anstaltseigenen Betrieb, in Küche, Wäscherei oder sind für die Reinigung des Hauses zuständig. Zur Vorbereitung auf die Entlassung bewerben sie sich auf dem freien Arbeitsmarkt und suchen sich von der Anstalt aus eine Wohnung. Beruflich unzureichend Qualifizierte werden in geeignete Ausbildungsverhältnisse vermittelt. Wenn dann einer - wie vor Weihnachten geschehen - seine Ausbildung als Bester abschließt, macht das Elsava Schöner ganz besonders glücklich.
Ein Anliegen hat die Anstaltsleiterin: Viele Langzeitgefangene haben keinerlei Kontakte mehr nach „draußen", deshalb werden für sie ehrenamtliche Betreuer benötigt, Die Helfer, Brückenbauer zwischen drinnen und draußen, werden ganz behutsam in ihre Aufgaben eingeführt und vom Anstaltspersonal begleitet. Interessenten, die außer einer gewissen Lebenserfahrung keine weiteren Voraussetzungen mitbringen müssen, wenden sich an die Justizvollzugsanstalt Erlangen.

Anmerkung der Redaktion: Das sind Artikel, die die ehrenamtlich engagierten Bürgerinnen und Bürger mit ins Spiel bringt, als eine wichtige Einheit im Rahmen der Wiedereingliederung.
Danke Frau Schöner.

 

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Therapie statt Training

Zitate aus einem Vortrag von Dr. Willi Pecher, München
Nach psychoanalytischer Auffassung formt sich die Persönlichkeit eines Menschen durch Beziehungserfahrungen, die verinnerlicht werden.
Die große Gruppe der Persönlichkeitsstörungen ist nach der ICD - International Classification of Deseases (DIMDI 1994) definiert durch:
1) Deutliche Unausgeglichenheit in den Einstellungen und im Verhalten in mehreren Funktionsbereichen (Affektivität, Antrieb, Impulskontrolle, Wahrnehmen und Denken, Beziehung zu anderen);
2) Andauerndes abnormes Verhaltensmuster;
3) Dieses ist tief greifend und in vielen persönlichen und sozialen Situationen eindeutig unpassend;
4) Die Störungen beginnen immer in der Kindheit oder Jugend und manifestieren sich auf Dauer im Erwachsenenalter;
5) Die Störung führt zu deutlichem subjektiven Leiden, manchmal erst im späteren Verlauf;
6) Meist ergeben sich aufgrund der Störung deutliche Einschränkungen der beruflichen und sozialen Leistungsfähigkeit.
Bei der ‚Kerngruppe’ der zu behandelnden Straffälligen, den dissozialen Persönlichkeiten, liegen folgende Eigenschaften oder Verhaltensweisen vor:
1) Dickfelliges Unbeteiligtsein gegenüber den Gefühlen anderer und Mangel an Empathie;
2) Deutliche und andauernde Verantwortungslosigkeit und Missachtung sozialer Normen, Regeln und Verpflichtungen;
3) Unvermögen zur Beibehaltung längerfristiger Beziehungen;
4) Sehr geringe Frustrationstoleranz und niedrige Schwelle für aggressives, auch gewalttätiges Verhalten;
5) Unfähigkeit zum Erleben von Schuldbewusstsein und zum Lernen aus Erfahrungen, besonders aus Bestrafung;
6) Neigung, andere zu beschuldigen oder vordergründige Rationalisierungen für das eigene Verhalten anzubieten, durch das die Person in einen Konflikt mit der Gesellschaft gerät;
7) Andauernde Reizbarkeit.
Ferenczi, ein Schüler Freuds, formulierte kurz und bündig als Buchtitel: ‚Ohne Sympathie keine Heilung’. Jeder von uns weiß, dass Gefangene gesetzte Regeln nicht einfach akzeptieren. Sie versuchen, den Rahmen zu erweitern, die Grenzen stückchenweise hinauszuschieben.
Natürlich macht es Sinn, Straftäterbehandlung auch unter Kosten-Nutzen-Aspekten zu betrachten, aber eben nicht ausschließlich.

 

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Bernd Blum, evangelischer Gefängnisseelsorger in der JVA Bernau

Vorbereitung auf das Leben in Freiheit: Das Sonntagsblatt ist für viele Gefangene ein unverzichtbarer Begleiter, schreibt Susanne Petersen im Sonntagsblatt, 18. 12. 2005.
Vor jedem Sonntagsgottesdienst in der Anstaltskapelle legt Pfarrer Blum die 20 Sonntagsblätter, die er jede Woche bekommt, auf den kleinen Schriftenstand neben dem Ausgang. Nicht nur in der Adventszeit, in der rund 40 Gefangene in den Gottesdienst kommen, sind die Zeitungen hinterher alle weg. „Für Kranke oder Gefangene auf Sonderabteilungen muss ich vorher Exemplare zurücklegen“, sagt Bernd Blum, „zehn Sonntagsblätter mehr könnte ich gut gebrauchen.“
Dass die Insassen der Justizvollzugsanstalt Bernau die Evangelische Wochenzeitung sehr genau lesen, merkt der Pfarrer beim wöchentlichen Glaubensgespräch: „Da kommen viele Hinweise auf Artikel im Sonntagsblatt - sogar meine Sonntagspredigt wird mit der Andacht verglichen.“ Er selbst mache die Gefangenen in den Abkündigungen auf manches aufmerksam, was im Blatt steht. „Das Sonntagsblatt“, sagt Blum, „ist hier im Gefängnis auch eine Hilfe, um Menschen ins Gespräch zu bringen.“
In der JVA Bernau sind rund 900 Männer inhaftiert, die zum wiederholten Mal straffällig geworden sind. Die Palette der Delikte reicht vom Betrug bis zur Sexualstraftat. Bis zu drei Jahre Haft verbüßen die Gefangenen hier. Der Pfarrer ist für sie ein wichtiger Ansprechpartner: Bei ihm können sie ohne Vorbehalte sprechen, denn Bernd Blum ist zum Schweigen verpflichtet. Nichts aus den Gesprächen wird aktenkundig. In die wöchentliche Sprechstunde kommen zwölf bis 15 Gefangene mit kleineren Anfragen. Für längere Gespräche besucht Blum die Männer auf ihren Zellen. Auch für deren Angehörige und für das Wachpersonal hat er ein offenes Ohr. Zu den Höhepunkten der Gefängnisseelsorge in Bernau gehören die bewachten Wanderungen im Sommer, zum Beispiel zum traditionellen Berggottesdienst auf der Kampenwand, und das Eheseminar.

Einmal im Vierteljahr lädt Pfarrer Blum zum Partnertag ins Gefängnis ein. 30 bis 40 Paare melden sich jedes Mal dafür an, nur acht können teilnehmen. Sein Ziel ist es, auf beiden Seiten Verständnis zu wecken: für die Situation der Gefangenen „drinnen“, für die Schwierigkeiten der Ehefrauen oder Partnerinnen „draußen“. Die Frage der Treue quält viele Gefangene, ihre Partnerinnen und Kinder dagegen sehen sich mit gesellschaftlicher Ausgrenzung oder Hänseleien konfrontiert. In Kleingruppen und im Plenum geht es beim Eheseminar um faires Streiten und den Umgang mit Konflikten. „An so einem Tag lernt man die schwierigsten Gefangenen von einer ganz anderen Seite kennen“, sagt der Pfarrer.

Vorbereitung auf ein neues Leben
Die Arbeit im Gefängnis erfüllt Bernd Blum, der schon Militärpfarrer in Bad Reichenhall und Gemeindepfarrer in Übersee am Chiemsee war, mit Dankbarkeit. „Es ist eine Freude, im Gefängnis Gottesdienst zu halten: Man spürt, wie die Gefangenen mitgehen, und dass sie Trost und Zuspruch für ihr Leben finden.“
Auch außerhalb der Anstaltskapelle sind kleine Gesten der Aufmerksamkeit für die Männer lebenswichtig: ein kurzes Gespräch im Vorübergehen, eine Zigarette, ein Lächeln. Blum sieht in den Gefangenen nicht nur die Straftäter, sondern vor allem auch Menschen, die Hilfe brauchen. „Die Männer sind bestraft - jetzt ist es unsere Aufgabe, sie wieder dem Leben zuzuführen.“ Glaubensgespräche, Gottesdienste und Eheseminare können dabei helfen - und auch die Lektüre des Sonntagsblattes, als gute Verbindung in die Welt „draußen“.

Hinweis: Wurden Sie nicht auch schon von Ihren Bekannten mit der Bemerkung angesprochen: „Was Du machst, dass könnte ich nicht!“ Sagen Sie Ihren Bekannten: ein Jahres-Abo einer Kirchenzeitung (evangelisch, katholisch), das könnten auch sie!

 

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Eine interessante Sichtweise

„Du kannst den reinen Luxus haben. du darfst nur kein Problem damit haben, dass du ein Schmarotzer bist", erzählte Anja einem Reporter. Und über die Anbiederung beim Betteln sagte sie: „Ich bin schon im Schleim ersoffen beim Schnorren, aber in drei Stunden hab ich 70 Mark zusammen."
Anja war Bettlerin. Sie gab ihr Interview, als sie 15 Jahre alt war, drei Jahre vor ihrem Tod. Als 13-Jährige war sie der bürgerlichen Enge daheim im Odenwald entflohen. Sie bevorzugte das Leben unter bettelnden Punks und geriet in eine Abwärtsspirale. Fünf Jahre überlebte Anja auf der Straße. Ihre Mutter, zu der sie ein gutes Verhältnis hatte, versuchte sie heimzuholen. Sie kämpfte um Anja. Vergeblich. Mit 18 Jahren setzte sich das Mädchen den goldenen Schuss, eine Überdosis Heroin.
Vielleicht wäre Anja noch am Leben, wenn sie nicht so großen Erfolg beim Betteln gehabt hätte. Soll man Bettlern vorbehaltlos helfen? Oder soll man abwägen, ob sie wirklich das Geld brauchen? Sozialarbeiter warnen oft davor, Bettlern großmütig Geld zuzustecken. In Deutschland gebe es ausreichend staatliche Hilfe für Bedürftige. Wer Bettler unterstütze, verstärke ihre Unfähigkeit, Struktur in ihr Leben zu bringen, Behördengänge zu planen oder die Hilfe von Beratern in Anspruch zu nehmen. Schlimmstenfalls unterlaufe der Spender Versuche, die Lage des Bettlers von Grund auf zu ändern.

Hilfe zur Selbsthilfe?
(Stark gekürzt aus „chrismon“ 12/2005 von Burkhard Weitz

Frage: Wie weit sollen, dürfen wir in unserer Betreuung bei Wiedereingliederung von Entlassenen gehen? Wollen wir uns - im übertragenen Sinne - vorwerfen lassen, dass wir an der erneuten Inhaftierung mit schuld sind?

Norbert Merz

 

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Vorurteil - Meinung

Vorurteil
Verfestigte, vorgefasste Meinung gegenüber Personen, Bevölkerungsgruppen, Ländern oder Sachverhalten, die nicht auf Erfahrung beruht. Während man sich ein Urteil bilden kann, weil man die entsprechenden Erfahrungen gemacht hat, übernimmt man ein Vorurteil als ein Stereotyp von jemand, den man in seiner Beurteilung anerkennt. Meistens enthalten Vorurteile eine Abwertung anderer Menschen oder Gruppen, durch die man sich selbst und die Gruppe, der man sich zugehörig fühlt, aufwertet. Vorurteile zielen besonders auf soziale Minderheiten innerhalb einer Gesellschaft, von denen man sich auf diese Weise abschirmen kann, ohne sich mit ihren Problemen auseinandersetzen zu müssen. Vorurteile werden oft mit der Erziehung vermittelt (auch die Bereitschaft, Vorurteile aufzunehmen), und es ist schwer, verfestigte Vorurteile wieder abzubauen.

Meinung
die ausgesagte (ausgesprochene) Vorstellung eines Menschen zu einer Sache. Der Prozess der Meinungsbildung wird oft von den Massenmedien beeinflusst. Das Meinungsbild, die Meinungsverteilung zu einem Problem in einer Gruppe (Bevölkerung), wird durch Befragung ermittelt (Meinungsforschung, Sozialforschung).

 

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„Man spricht Deutsch" - Wie gelingt Integration?

Die Berliner PHOENIX-Runde, diskutierte am 2. 2. 2006 unter der Leitung von Gaby Dietzen die Frage: „Man spricht Deutsch“ - Wie gelingt Integration?
Vor dem Hintergrund des Gesinnungstests für Ausländer per Fragebogen ist die Frage sicherlich anders zu beantworten als die Tatsache, ob diese Verpflichtung nicht auch in deutschen Strafvollzugsanstalten gelten könnte.
In diesem Zusammenhang gefiel mir der Hinweis auf eine Berliner Schule. Dort wird per Hausordnung verlangt, dass nur noch Deutsch gesprochen wird - auch auf dem Pausenhof.
Auch wenn es auf die Justizvollzugsanstalten angewendet nicht unbedingt auf die Förderung der Integration ankommt, so würde die Kommunikation unter den Häftlingen und innerhalb der Anstalten transparenter und angstfreier werden.
Fast selbstverständlich müsste diese Forderung für Deutsche aus Russland sein.

Man darf doch auch mal laut denken, oder?

 

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Unsere Klientel von morgen? Nürnberger Nachrichten, 15. 3. 2006

Lernen fürs Leben als Konsument

Verbraucherschützer: Schule muss hier mehr leisten - Heute Weltverbrauchertag
Von Verena Litz
Heute, 15. März, ist Weltverbrauchertag: Zu diesem Datum erinnert die Konsumentenlobby an grundlegende Verbraucherrechte und legt den Finger in Wunden. In diesem Jahr haben die deutschen Verbraucherorganisationen ihr Programm zu dem Gedenktag unter das Motto „Verbraucherbildung" gestellt und dazu einen interessanten Test ausgearbeitet: Berliner Schülerinnen und Schüler ab der 10. Klasse sollten 17 Fragen beantworten, die sich um den Konsumalltag drehen.
NÜRNBERG - Der Titel des Fragebogens, den der Verbraucherzentrale-Bundesverband für jedermann zugänglich ins Internet (www.verbraucherbildung.de) gestellt hat, gibt schon einen dezenten Hinweis darauf, dass das Ziel noch nicht erreicht ist: „Auf dem Weg zum informierten Verbraucher" steht über den Aufgaben, von denen sich manche im Selbsttest als Stolperstein erweisen. Kostprobe gefällig′? Gerne. Angenommen, bei Ihrer neuen Musikanlage ist schon nach zwölf Monaten der Tuner defekt, Boxen und CD-Player funktionieren einwandfrei. Sie wollen sich sofort vom Vertrag lösen. Können Sie das? Oder: Wie viel kostet durchschnittlich der Strom für den Stand-by-Betrieb eines PCs mit Monitor und Drucker im Jahr? Was bedeutet die erste Zahl des Erzeugercodes 1-DE-023457-2 auf dem Ei?

 

Kostenfalle Handy

„Die Schule leistet nicht das Notwendige, um Kinder und Jugendliche auf das Leben als Konsument vorzubereiten", so das Fazit des vzbv. Der Verband fordert nachdrücklich, Verbraucherbildung in den Lehrplänen aller Schularten zu verankern.

Kinder und Jugendliche zu mündigen Verbrauchern zu machen, ist seit langem ein Anliegen der Verbraucherschützer. Dem Thema „ABC der Finanzen" kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu - aus gutem Grund: Die ersten Schritte in Richtung Schuldenfalle erfolgen immer früher. Als Knackpunkt gilt das Handy, viele Jugendliche unterschätzen die Kosten. Ein Problem, das nicht wenige Erwachsene bei Krediten haben. Dem Lockruf der Geldinstitute: „Konsumiere heute, bezahle morgen", folgt mancher, ohne sich über die Rückzahlung der Darlehen groß Gedanken zu machen, geschweige denn, die monatliche Belastung vorher genau durchzurechnen.

... und wie steht es da um unsere Betreuten? Müsste das nicht auch ein Thema bei unseren Besuchen, bei der Vorbereitung auf die Entlassung sein?

 

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Aus den Regionen

Kempten

Die "Straffälligenhilfe Allgäu e.V." hat bei der Jahreshauptversammlung 2005 einen neuen Vorstand gewählt. Die bisherigen Vorsitzenden Herr Walter Dolp und Frau Gertrud Hechelmann stellten sich nicht mehr zur Wahl. Neuer Vorsitzender des Vereins ist Herr Emil Wagner, zweite Vorsitzende ist Frau Marianne Mayr. Als weitere Mitglieder wurden gewählt: Frau Marianne Wagner (Kassiererin), Frau Lisa Obert (Schriftführerin), Herr Rafael Trost (Beisitzer).

Aktionen:

* Seit Februar 2005 organisiert der Verein einen "Zeitungsdienst" für die Gefangenen, durch den Interessenten zweimal die Woche aus dem aktuellen Stellen- und Wohnungsmarkt Anbieter selbst anschreiben können. Die Allgäuer Zeitung stellt uns die Wochenendausgabe am Montag kostenlos zur Verfügung und die örtlichen Anzeigeblätter KREISBOTE und EXTRABLATT erscheinen donnerstags und werden jeweils von uns vorbereitet und angeliefert, so dass die Aufenthaltsräume jeder Station ausgestattet sind.
* Im November erhielten die Gefangenen verschiedene Spiele im Wert von 2.000 Euro, finanziert zu drei Viertel von der Straffälligenhilfe Allgäu e.V. und zu einem Viertel vom Bezirksverein für Gefangenenfürsorge Kempten.
* Am 10.12.05 engagierten wir einen Gospelchor aus Memmingen für ein Adventskonzert in der JVA Kempten. Die Resonanz darauf, in Gesprächen und in Briefen von Gefangenen, war z.T. tief beeindruckend.
* Am Heiligabend wurden über 400 Weihnachtspäckchen an die Gefangenen persönlich überreicht. Finanziert wurden die dafür benötigten 3.500 Euro, wie in den vergangenen Jahren, zu je einem Drittel von der evangelischen Kirche, der katholischen Kirche und der Straffälligenhilfe Allgäu e.V.

Emil Wagner

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Aus den Regionen

Straubing

Drei Frauen und drei Männer haben sich Ende Januar von Freitag bis Sonntag in der Justizvollzugsschule auf eine ehrenamtliche Tätigkeit in der JVA Straubing vorbereitet. Neben der Auseinandersetzung mit dem Strafvollzug, der Persönlichkeit des „Strafgefangenen unter der besonderen Situation der Inhaftierung waren vor allem die Persönlichkeit, die Motivation der zukünftigen Ehrenamtlichen Themen dieses dreitägigen Seminars. Den Höhepunkt für die Teilnehmer bildete sicher der Rundgang durch die Justizvollzugsanstalt mit der Besichtigung der Betriebe. Die Veranstaltung erfuhr durch die Regierungsrätin Stephanie Schreyer eine sehr engagiert Begleitung. Die Durchführung und Ausgestaltung lag bei Horst Münzer, Gerhard Burger, Alfred Helms, Peter Möller und Norbert Merz.

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Aus den Regionen

Nürnberg

Das Einführungsseminar für neue ehrenamtliche Mitarbeiter des Arbeitskreis Resozialisierung Nürnberg war wieder sehr erfolgreich. An vier Abenden, bei einer zweistündigen Führung durch die JVA Nürnberg und einem Wochenendseminar wurden die 10 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht nur informiert, sondern hatten am Wochenende die Möglichkeit, per Rollenspiel sich selbst zu überprüfen. Dies gelang unter der fachkundiger Leitung von Catherine Axiomakarou und Silvia Winkler sehr gut und wurde von den Beteiligten entsprechend positiv rückgemeldet. Die Informationseinheiten wurden gestaltet von Silvia Winkler, Norbert Merz, Peter Kuckuck und vom Kontaktbeamten Georg Butz Die Gesamtleitung lag bei Friedrich Leinberger. Anmerkung der Redaktion: Beim abschließenden Fototermin waren leider nicht alle anwesend. Bilder: Silvia Winkler

 

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Termine

Straubinger Tagung 2006
vom 29. Juni bis 1. Juli 2006
Justizvollzugsschule Straubing

Mitgliederversammlung 2006
16. September 2006, 10:00 Uhr
in Augsburg
Hotel Riegele, Viktoriastraße 4, gegenüber Hauptbahnhof

Augsburger Gespräche 2007
24. März 2007


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Ich glaube, dass ich für die Sinnhaftigkeit oder Sinnlosigkeit des Lebens nicht verantwortlich bin, dass ich dafür verantwortlich bin, was ich selbst mit meinem eigenen, einmaligen Leben anfange

Hermann Hesse
 

Ich glaube, das größte Geschenk, das ich von jemanden bekommen kann, ist, dass er mich sieht, mir zuhört, mich versteht und mich berührt. Das größte Geschenk, das ich einem anderen Menschen machen kann, ist, ihn zu sehen, ihm zuzuhören, ihn zu verstehen und ihn zu berühren. Wenn das gelingt, habe ich das Gefühl, dass wir uns wirklich begegnet sind.

Virginia Satir

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© LAG 2006-04-16