Landesarbeitsgemeinschaft ehrenamtlicher Mitarbeiter im Strafvollzug Bayern e.V.
Ehrenamt-im-Strafvollzug

LAG - Info Nr. 46


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LAG-Info 46   Inhaltverzeichnis

Auf ein Wort
Der Sechzigste
Aphorismen
Kronenkreuz
Abschied - Anfang
Stabwechsel
Wolfgang Held
Entlassung
Das Handwerkliche
Haftentlassen
Checklisten
... erfolgreiche Entlassung
Partner - Treff
Entlassenenhilfe
Angst - Selbstwertgefühl
Öffentlichkeitsarbeit
Die Wandlung

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  Inhaltverzeichnis

Justizmedaille
Selbstlose Hilfe
Knastzeitung
Kleine Schritte ...
Richterin ... Präsident
1628 meint
... Die wahren Werte ...
Zufriedene Kinder
Aus den Regionen
Feldwebel Alexandra
Rezension
Leserbriefe
Pinwand
Presseclub
Beitrittserklärung
Termine
Die letzte Seite

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Auf ein Wort

Liebes Mitglied, liebe Leserin, lieber Leser!
Nun sind wir schon wieder mitten drin. Der Wechsel von 2003 nach 2004, zu dem ich Ihnen noch einmal alles Gute wünschen darf, geht für viele von uns nahtlos vonstatten. Unbeirrt werden wir uns in unserem Engagement wieder fordern lassen und stellen uns, soweit es unsere Kräfte zulassen, für unseren Nächsten zur Verfügung.
Auch wenn die Entlassung in dieser Ausgabe das große Thema ist, haben ich auf die sehr persönliche zum Teil sehr einschneiden Ereignisse nicht verzichtet. Schließlich konnte ein sehr engagierter Ehrenamtlicher, unser 2. Vorsitzender und Leiter der Evangelischen Straffälligenhilfe des evangelischen Hilfswerk München - Peter Möller - seinen 60. Geburtstag begehen. Es gab für Gabriele Seifried das Goldene Kronenkreuz und in der Justizvollzugsschule Straubing einen großen Stabwechsel. Ein die Schule prägender Mensch, Bernhard Wydra, hat nach achtzehn Jahren den Stab an Reinhardt Vogl übergeben. Und dann gab es wieder Erfreuliches, „Engagiertes“ aus den Regionen zu berichten.
Auch im neuen Jahr freue ich mich auf Ihre kritischen, nachdenklichen, informierenden und/oder spaßigen Beiträge.
Ihr
Norbert Merz

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60 Jahre und (k)ein bisschen weiser?

Auf sein Leben angesprochen kam kurz und zackig, wie nicht anders gewohnt, die nachfolgende Kurzgeschichte eines reichen, nicht immer einfachen, aber erfüllten Lebens zum Vorschein:

„1943 in Berlin geboren, dort aufgewachsen; ein Großstadtkind, ein Kriegskind mit Nachkriegskindheit, Schule, Abitur und dann nichts als weg, weg von zu Hause.
Erste Schritte im Ausland, dann zum Militär, Berufssoldat, herumziehen, wieder Ausland, nirgendwo zu Hause und schließlich Landung in Bayern.
Festkrallen, Wurzeln setzen, nicht mehr weg wollen - zu Hause (?) - endlich zu Hause ? ...

Ein unruhiger Geist bin ich geblieben, in der Welt zu Hause, doch nunmehr in München daheim.
Nach vierzig Jahren Dienstzeit als Soldat, seit 2001 im (Un-)Ruhestand.“

Und was brachte Dich zum Strafvollzug und zur LAG?
„Die Ortskirchengemeinde veröffentlichte eine Suchanzeige der Straffälligenhilfe der Inneren Mission München, die „neue“ ehrenamtliche Mitarbeiter suchte.“

Gesucht: Menschen guten Willens.

Menschen, die Nächstenliebe leben und praktiziert, auch und gerade gegenüber Menschen, die im Gefängnis sind.
„So fing es damals, 1989, an und ich wurde gefangen! Obwohl in der Gemeinde engagiert, ließ mich der Pfarrer ziehen, um es mal zu „versuchen", und war mich los.“

Das war also der Start in die Straffälligenhilfe?
„Ja, ich hatte mich, wie schon gesagt, gemeldet und begann ehrenamtlich in der Straffälligenhilfe der Inneren Mission München mitzuarbeiten. Mir wurden die ersten Gefangenen aus der JVA Bernau zugeordnet und startete meine „Betreuerlaufbahn“. Ganz nebenbei, in Bernau betreue ich trotz anderer Aufgaben auch noch heute.

Heißt das, dass noch weitere Aufgaben auf Dich zugekommen sind?
Im Jahre 2002 wurde ich mit der Leitung der Straffälligenhilfe der Inneren Mission München beauftragt. So kam zu meinen Betreuungen, es waren zwischenzeitlich einige mehr geworden, eine ganz neue Aufgabe dazu. Ich führe die Münchner Gruppe der Ehrenamtlichen (IM), die sich einmal pro Monat zum Erfahrungsaustausch und zur Durchsprache neuer Betreuungsfälle trifft, und biete Monat für Monat nach festem Terminkalender sogenannte Sprechtage der Evangelischen Straffälligenhilfe München in den Justizvollzugsanstalten Bernau, Landsberg/Lech und Rothenfeld und Niederschönenfeld an.

Dann bliebe nur noch der Schritt zur LAG offen!
Das ergab sich eigentlich zwangsläufig. Irgendwo, irgendwann begegnete mir im bayerischen Betreuungsbeziehungsgeflecht der Name bzw. das Kürzel „LAG".
Meine Neugier war geweckt.
Fühler ausgestreckt, reingeschnuppert, mitgemacht, dabei geblieben, mitgestaltet. Mitgestalten, das ist es, was mich auch gereizt hat, in der Vorstandschaft mitzuwirken.

Eigentlich ist fast alles gesagt?
Ja und nein! Ich möchte noch einmal auf unser gemeinsames Anliegen zurückkommen.
Mein „Glaubensbekenntnis" habe ich schon oft abgelegt und immer wieder auf die Frage geantwortet: warum denn ausgerechnet ins Gefängnis?
Ich will nichts unnötig komplizieren, aber im für mich persönlich richtigen Moment lebten mir andere Mitmenschen ehrenamtliches Engagement vor und ließen mich begreifen, dass Nächstenliebe nicht nur Worte, sondern praktisches Handeln beinhaltet.

Selbst Pragmatiker, öffnete sich dadurch für mich eine neue Perspektive des Denkens, Fühlens und des Handelns.
Inwieweit sich Erfolge messen lassen, sollen die beurteilen, denen ich versucht habe, ein zuverlässiger, berechenbarer Begleiter während und nach ihrer Haftzeit zu sein.
Ich glaube jedoch fest und unverrückbar daran, dass es sich lohnt, auch den Strafgefangenen unsere Hand zu reichen, um somit eine Brücke zu schlagen, die es ermöglicht, sie trotz aller Ausgrenzung durch die Gesellschaft als Mit-Menschen anzunehmen und ihnen ein mitmenschliches Leben anzubieten.

„Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein" (Joh. 8,7) ...ich gehe sie besuchen und werde sie weiterbegleiten, so lange der Herrgott mir die Kraft dazu schenkt.

Das hoffen wir mit Dir, auch wegen der Gefangenen, die Menschen wie Dich dringend brauchen.

Danke für dieses Gespräch.

15 Jahre Engagement

Herzlichen Glückwunsch
Peter Möller
für 15 Jahre ehrenamtliches Engagement in der der Straffälligenhilfe.

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Aphorismen

Marie von Ebner-Eschenbach

In der Jugend meinen wir, das Geringste, das die Menschen uns gewähren können, sei Gerechtigkeit. Im Alter erfahren wir, dass es das Höchste ist. Man bleibt jung, solange man noch lernen, neue Gewohnheiten annehmen und Widerspruch ertragen kann.
Wie weise muss man sein, um immer gut zu sein! Was Menschen und Dinge wert sind, kann man erst bemerken, wenn sie alt geworden. An Rheumatismen und an wahre Liebe glaubt man erst, wenn man davon befallen wird. Alt werden heißt sehend werden.
Späte Freuden sind die schönsten, sie stehen zwischen entschwundener Sehnsucht und kommendem Frieden.

Aus „Kleine Bettlektüre mit den besten Wünschen für liebenswerte Sechziger“

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Das Goldene Kronenkreuz für Gabriele

Am 2. 12. 2003 wurde Gabriele Seifried das Goldene Kronenkreuz verliehen. Im Rahmen einer kleinen Feier umgeben von vertrauten, geladenen Gästen wurde das Wirken der Geehrten gewürdigt. Schwierigen Fälle der Wiedereingliederung (Entlassungsvorbereitung und Entlassung) sind ihr Metier.
Norbert Merz

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Danke, Wolfgang Held!

Ministerialdirektor Wolfgang Held, ranghöchster Beamter im bayerischen Justizministerium, hat sich in den Ruhestand verabschiedet.
Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Strafvollzug hatten in Manfred Held immer einen Unterstützer und Sachwalter berechtigter Interessen. Nur einmal hat er sich bei einem Besuch im Justizministerium durch seine Teilnahme an diesem Gespräch direkt und sehr positiv eingemischt.
Bei Begegnungen aus verschiedensten Anlässen (u.a. bei den Eröffnungsveranstaltungen der Straubinger Verkaufsausstellung im Herbst) mit ihm fand er immer für ein kurzes Gespräch und auch stets für eine Anerkennung der Ehrenamtlichen Zeit.
Danke!

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Entlassung - Entlassungsvorbereitung

"Entlassene Straftäter dürfen nicht durch Chancenlosigkeit noch einmal bestraft werden."

Richard von Weizsäcker

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Ich zitiere aus dem Strafvollzugsgesetz: § 74 Hilfe zur Entlassung

1) Um die Entlassung vorzubereiten, ist der Gefangene bei der Ordnung seiner persönlichen, wirtschaftlichen und sozialen Angelegenheiten zu beraten.
Die Beratung erstreckt sich auch auf die Benennung der für Sozialleistungen zuständigen Stellen. Dem Gefangenen ist zu helfen, Arbeit, Unterkunft und persönlichen Beistand für die Zeit nach der Entlassung zu finden.

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Und wie sehen andere ihre Aufgabe einer erfolgreichen Entlassung?

Mit der Resozialisierung verfolgen wir als Diakonisches Werk in der JVA Eichstätt, so Erich Dierks, Sozialpädagoge, zwei Dinge:

  1. Hilfe bei der Gewinnung von persönlicher und gesellschaftlicher Identität, durch die Begleitung des Straffälligen während seiner Haftzeit.
  2. Abbau der gesellschaftlichen Vorurteile, um eine Wiedereingliederung des Straffälligen zu ermöglichen.
Damit unsere Art von Resozialisierung gelingt und es nicht zu einem „Drehtürvollzug" kommt, müssen wir an folgenden Punkten mit dem Straffälligen arbeiten:
  • Entwicklung und Förderung der individuellen Kompetenzen (Durchhaltefähigkeit, Handlungskompetenz, Problemlösungskompetenz usw.)
  • Sicherung alter und Findung neuer Ressourcen (Arbeit, Wohnung, Familie, sonstige Qualifikationen usw.)
  • Eine Eingliederung in seine soziale Umwelt ermöglichen (fehlerhafte Verhaltensmuster verbessern und neue Verhaltensmuster erlernen)

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Angst - Selbstwertgefühl

... Am 30. September 2005 wird Daniela dort (vor dem Tor der JVA) stehen, wenn sie nicht schon früher raus darf. Sie fürchtet sich mehr vor diesem Tag, als sich darauf zu freuen. „Ich bin noch nicht so weit", sagt sie. „Draußen bin ich alleine."
(aus SZ, 24. 12. 03)

Angst
Woran liegt das?
Angst entsteht immer dann, wenn wir mit etwas Unbekanntem konfrontiert werden. Wir haben also Angst vor dem Wechsel, weil wir Angst vor dem Neuen haben. Was man hat oder kennt, erträgt man, da man weiß, dass man es ertragen kann.
Der neue Job, die neue Arbeit, die neue Wohnung, die neue Umgebung ist aber unbekannt und man weiß nicht, wie man dort zurechtkommt.
Viele haben große Angst, diese zu überwinden. Der erste Schritt in den Rückfall? Unser Ansatz ist es, denen zu helfen und gemeinsam die Angst zu überwinden und Gegenstrategien zu entwickeln.

Angst - eine Frage des Vokabulars?
Wenn uns die Möglichkeiten fehlen, zwischen Zorn, Wut, Unbehagen, Unsicherheit, Angst, Nervosität oder Ärger zu unterscheiden, dann reagieren wir jedes Mal „stocksauer“, wiewohl wir einmal Angst und einmal Nervosität empfunden hätten. Umgekehrt verhilft uns ein reiches Vokabular, solche Unterschiede vorzunehmen und demzufolge weit „angemessener“ zu reagieren.
Aus „115 Ideen – für ein besseres Leben v. Vera F. Birkenbihl

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Irgendwann im Dezember 2003 berichtete das Landsberger Tagblatt von der

Selbstlosen Hilfe für Gefangene

Entlassung
Die SKM-Gruppe von etwa acht Betreuern treffe sich turnusmäßig zu Gruppengesprächen mit Inhaftierten. Dabei werden Themen diskutiert, wie Entlassungsvorbereitung, Verhalten in Freiheit; mitunter behandeln fachliche Referenten Themen wie Sozialhilfe oder Suchtberatung. Höhepunkt war auch heuer ein dreitägiges Wochenend-Seminar mit Strafgefangenen, wobei u. a. Themen wie Haft, Strafe, Entlassung behandelt wurden.

Red.: Hier wird praktiziert. Das heißt: man behandelt das Problem mit den Betroffenen, kommuniziert die Einstellungen und Ansichten, Ängste und Bedenken und setzt das Erlernte und Besprochene im Ausgang mit dem Gefangenen in die Tat um.

Man tut!

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Gratulation für Dr. Werner Möstl, Amtsgerichtspräsident, einen treuen Teilnehmer der „Augsburger Gespräche“
(Veranstaltung der LAG!).

Oberste Richterin würdigt Präsidenten

Hoher Besuch wegen einer runden Zahl: Edda Huther, Präsidentin des Oberlandesgerichts und Präsidentin des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs, hat gestern Augsburgs Amtsgerichtspräsident Dr. Werner Möstl zu seinem 40. Dienstjubiläum gratuliert.
Möstl war 1963 in den Staatsdienst eingetreten. Seit 1997 steht er an der Spitze des Augsburger Amtsgerichts - ein „geachteter Vorgesetzter und besonders gesuchter Ansprechpartner der Kollegen und Anwaltschaft", wie Edda Huther in ihrer Laudatio sagte.
Sie verlieh Möstl im Namen der bayerischen Justizministerin Dr. Beate Merk eine Urkunde und würdigte dabei die Verdienste des 63-Jährigen. Möstl leite das Amtsgericht ohne Aufgeregtheit und höchst erfolgreich: „Die Kombination von herausragender Fachkompetenz mit Lebensnähe und die Fähigkeit beim Umgang mit Menschen haben Sie in eine Spitzenposition in der Justiz gebracht", sagte Huther, die Möstl tatsächlich seit langem kennt: Beide gingen zusammen in die Schule.

(aus Augsburger Allgemeine Zeitung, 12. 11. 2003)

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16 28 meint:

... wer einmal aus dem Blechnapf fraß ...
„Wer“, „Was“ oder welches „Warum“ sind schuld oder bewirken, dass einige Haftentlassene nach ein paar Monaten der Freiheit dem Ruf: „Zurück in die Zelle“, nicht wiederstehen können?
Einer, meiner ehemaligen Schützlinge (... nein, in Freiheit brauche ich keine Betreuung mehr ...) ist wieder in U-Haft. Mit Zustimmung des Haftrichters konnte ich nun das erste Gespräch führen.  Muss ich erwähnen, dass das alles nur möglich ist, weil sich der Sozialdienst der JVA so für unsere Sache einsetzt und die notwendigen Beschlüsse beim Gericht beantragt?
So ein „Gespräch“, wenn man es überhaupt als solches bezeichnen kann, hat schon eine recht eigenartige Stimmung. Beide Seiten sind irgendwie „überdreht“, wollen der Situation nichts besonderes beimessen, durch ihr Gehabe kommt aber gerade das „Besondere“ zum Ausdruck. Weil ich schon beide Seiten durchlebt habe, fange ich mich immer recht schnell wieder.
Der Gefangene ist das aber auch in einer recht unangenehmen Lage. Er muss sein „Scheitern“ eingestehen und weiß nicht, wie der Betreuer darauf reagiert. Es ist auch jetzt, nicht der richtige Zeitpunkt für üble Vorhaltungen oder weitreichende Pläne, jetzt ist erst mal Information angesagt und zwar von Beiden. Man braucht auch keinen Gefangenen „überreden“, seine neue Story zu erzählen, das sprudelt auch so aus ihm heraus. Jetzt, weil er wieder in Haft ist, hat er auch wieder Zeit zum Nachdenken und darüber möchte er auch reden. Dabei kann aber einiges „geschönt“ sein, darum Vorsicht. Für uns aber viel, viel wichtiger: Wie fühlen wir uns? Was geht in unserem Kopf um?
Man kann es drehen und wenden wie man will. Auch wenn andere sagen: „Wir können nur Wege aufzeigen, bestärken oder abraten, sein Leben in den Griff bekommen, muss der Entlassene schon selber.“ Wenn ein von mir Betreuter wieder in Haft kommt, laste ich das auch mir an! Nicht direkt als Schuld, aber doch als kleine Niederlage: Ich hätte wissen müssen ..., hätte man da und da nicht doch ...? Mein Schuldgefühl hält sich natürlich in Grenzen. Ich weiß, dass Entlassene von ihrem Tun manchmal sehr, sehr überzeugt sind. Bedenken Anderer werden in den Wind geschlagen.
Im ersten Gespräch in der neuerlichen Haft mache ich dem Betreuten schon klar, dass es von ihm keine anerkennende Leistung ist, wieder in Haft zu sein. Auch bekommt er gesagt, wer der Schuldige für diese Situation ist. Keiner kann von mir verlangen, das Verhalten des Betreuten wohlwollend zu beurteilen. Ich sage ihm auch, dass bei mir jeder drei „Versuche“ hat. Bis jetzt hat noch keiner mehr gebraucht. Sollte es aber einmal eintreffen, würde ich die Zweckmäßigkeit meiner Betreuung für diesen Menschen schon eingehend prüfen.
Jeder von uns weiß, unserer Betreuungsarbeit sind Grenzen gesetzt. In der Regel bleibt doch für Gespräche und eingehende Beratung recht wenig Zeit. Einsichtigkeit und ein Sinneswandel ist oft nicht zu erreichen, Bleiben einige „gute“ Ratschläge. Den Menschen von Grund auf ändern, ist sowieso nicht möglich und das will ich auch gar nicht. Man stelle sich vor, einen Menschen geistig vollkommen entkernen und neuen Geist und neue Gedanken einpflanzen. Wo bleibe die Einzigartigkeit eines jeden Menschen? Nein, bleiben wir dabei: Ratschläge geben, gehbare Wege aufzeigen, Anregungen machen, Hilfe anbieten, in vielen Gesprächen zur Einsicht bewegen, das ist unser Werkzeug, das sind unsere Mittel. Und das muss reichen.
Ich möchte auch sagen können: Mit diesen meinen Mitteln habe ich es versucht und fühle mich wohl dabei, weil es meinem Gegenüber nicht schadet. Wir hoffen auf ihn, wir können aber nichts erzwingen. So werden wir es auch nicht verhindern können, dass uns ein Sozialarbeiter anruft und sagt: „Du, dein Knacki ist wieder da“!

Ihr 1628

PS: Das Knastsprichwort lautet: „Wer einmal aus dem Blechnapf fraß, das Wiederkommen nicht vergaß“. (Die Wahrscheinlichkeit des Rückfalls in Versform)

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Was zählt, sind die wahren Werte im Leben

Lasst das „goldene Kalb“ laufen
Was zählt, sind die wahren Werte im Leben, so Susanne Stöcklin-Meier beim Kulturkreis Pressath. Kinder brauchen Werte, gerade in einer schnelllebigen Gesellschaft, die sich ständig im Umbruch befindet und neu definieren muss. Vielleicht weil Erwachsene mehr über Werte reden, als sie vorzuleben, klagen wir über eine angeblich wertelose Jugend.
Mit ihrem neuen Buch „Was im Leben wirklich zählt - Mit Kindern Werte entdecken" legt sie die Finger in eine Wunde unserer Gesellschaft. Fast 70 Besucher zeigen, wie groß das Interesse am Thema „Wertevermittlung" ist und wie intensiv nach Formen der Wertevermittlung gesucht wird.

Fünf Grundwerte
Auf fünf Grundwerte konzentriert sich die Schweizer Bestsellerautorin Susanne Stöcklin-Meier in ihrer Neuerscheinung (nach wenigen Wochen über 10.000 verkaufte Exemplare).
Wahrheit, rechtes Handeln, Friede und Miteinander, Liebe und Gewaltlosigkeit sind für sie die Kernwerte, die jedem Menschen unabhängig von seiner religiösen Prägung vermittelt werden müssen.
Dabei geht es gerade um tägliches konkretes Üben und Vorleben der Werte. Nach einem Streit den ersten Schritt zur Versöhnung machen, einem alten Menschen den eigenen Sitzplatz anbieten oder sich an einem Dankeschön erfreuen: Oft nur banale Alltäglichkeiten, aber in ihrer Summe ermöglichen sie erst das friedliche Auskommen der Menschen.
Werteerziehung muss bereits in der Familie beginnen und im Kindergarten gefestigt werden. Was Kinder bis zum achten Lebensjahr nicht verinnerlicht haben, kann ihnen später kaum noch beigebracht werden. Der liebevolle Umgang mit Kindern und das rechtzeitige Aufzeigen von Grenzen ist daher besonders in der Familie von großer Bedeutung.

Anm. d. Red.: Und wie sieht bzw. sah das bei unserer Klientel aus?

Kinder brauchen Geschichten
Susanne Stöcklin-Meier warb auch dafür, sich mehr Zeit für die Sprösslinge zu nehmen. Gemeinsam ein Bilderbuch anschauen, Reime und Bewegungsspiele oder die Gute-Nacht-Geschichte an der Bettkante sollten wichtige Bausteine und Rituale des Alltags sein.
Was im Leben wirklich zählt, so die Autorin, die mit ihrer offenen und humorvollen Vortragsweise das Publikum begeisterte, ist nicht der Tanz ums „goldene Kalb", sondern ein liebevolles und friedliches Miteinander in der Gesellschaft.
(bod) Neuer Tag, 7. 11. 2003

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Leserbrief

Lieber Herr M.!
Herzlichen Dank für Ihre guten Wünsche zum Weihnachtsfest und für das neue Jahr 2004.
Lieber Herr M., wir haben uns vom 4. bis 6. Juli bei der Fortbildung in Straubing getroffen und kennen gelernt. Ich war der einzige nicht berufene ehrenamtliche Betreuer bei dieser Fortbildung. Am 20. November schied mein Betreuter Theo Berger durch Suizid aus dem Leben. Den ehrenamtlichen Mitarbeiter der JVA Bamberg, G. M., gäbe es nicht, wenn es meine Beziehung zu Theo Berger nicht gegeben hätte. Auf der Rückseite habe ich Ihnen den Leserbrief abgedruckt, den ich am Freitag, den 19.12.2003, an die Süddeutsche Zeitung abgeschickt habe.
Nachdem ich „meinen Bamberger Gefangenen" vor einer Woche mitteilte, dass ich in der nächsten Woche mit ihnen eine Weihnachtsgeschichte bearbeiten wolle und sich niemand gegen diesen Vorschlag wehrte, bereitete ich mich erneut auf meine Lieblingsweihnachtsgeschichte „Die drei dunklen Könige" von Wolfgang Borchert vor. Borcherts berühmtestes Stück ist das Hörspiel „Draußen vor der Tür". Borcherts literarisches Schaffen hat immer mit den Themen Dunkelheit und mit der Situation des Menschen „Draußen vor der Tür" zu tun.
Im ersten Teil der Weihnachtsgeschichte wird eine junge Familie eingeführt, die am Heiligen Abend 1945 ihr erstes Kind bekommt. Die äußere Not der Familie ist gekennzeichnet von Hunger und Kälte. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass es bei den schlimmen Zerstörungen auch keine elektrische Energie gab.
Brennmaterial gab es auch nicht.. Der Vater machte sich auf den Weg und holte heim was eben zu finden war. Und so beheizte er seinen Blechofen mit dem morschen, vermoderten Holz eines alten Zaunes.
Im zweiten Teil der Geschichte kommen drei Kriegsheimkehrer. Während der Mann das Ofentürchen öffnet, um zu heizen, wird der Raum einen Moment durch dieses Feuer erhellt,. Diese Handvoll Licht reicht aus um den Raum für einen Moment zu erhellen. Dieses Licht sehen die Kriegsheimkehrer. Sie klopfen an die Wohnungstür und finden Einlass. Der junge Familienvater, der ein Gesicht, das heißt einen Schuldigen für die Notsituation seiner Familie sucht, glaubt, dass die Soldaten, die die Welt zerstörten, die Schuldigen wären. Innerhalb kürzester Zeit muss er viel dazu lernen. Die Menschen, von denen er glaubte, dass sie die Täter wären, waren wie er Opfer. Ihre Situation war noch schlimmer als seine. Einer von den dreien hatte beide Hände verloren, der andere hatte Wasser von dem vielen Hunger und der dritte zitterte in seiner schäbigen Uniform. Zu große Angst bescherte ihm ein Nervenleiden.
Die Situation „unserer Gefangenen" unterscheidet sich von der Situation dieser bedauernswerten Geschöpfe kaum. Die Dunkelheit ist doch auch das Zeichen ihrer Zeit im Gefängnis. Sie sind doch auch zertrümmerte Menschen. Ihre Situation ist doch ähnlich der Situation der Kriegsheimkehrer. Die Gefangenen sind nicht vor der Türe, sie werden jeden Tag hinter der Türe weggesperrt. Sie können selbst nicht bestimmen die Türe zu öffnen, wenn sie dies wollen. Die Türe ist das Symbol für Mitmenschlichkeit, Miteinander, menschliche Nähe und Liebe.
Ich glaube aber, dass innere Not der Schlüssel für menschliches Wachstum ist. Ohne innere Not kommt der Mensch meines Erachtens nicht zum Nachdenken. Innere Not kann aus sündigen Menschen neue, heile Menschen machen. Innere Not kann Gefangene wieder in die menschliche Gemeinschaft zurückführen. Innere Not und Verzweiflung können dem Menschen helfen wieder heimzufinden zu Gott und zu den Mitmenschen. Innere Not kann uns zum Segen werden. Innere Not kann die Chance im Leben eines Menschen werden. Wenn ein Gefangener die innere Not seiner Haftzeit nutzt, dann kann sie seine zertrümmerte Existenz wieder heil machen. Der Gefangene sollte allerdings bereit und offen sein und ein anderer besserer Mensch werden wollen. Dazu müssen allerdings wir, die ach so Guten, unseren Brüdern einige Chancen geben.
Lieber Herr M., auch ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie ein frohes, gesegnetes Weihnachtsfest und alles Gute für das Jahr 2004, besonders Gesundheit. Auch ich möchte mich bei Ihnen für die vertrauensvolle und gute Zusammenarbeit bedanken und hoffe, dass dies auch in der Zukunft so bleiben möge.
Ihr G. M.

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Termine

  • Straubinger Tagung 2004
    8. bis 10. Juli 2004
  • Mitgliederversammlung 2004
    Samstag, 18. September 2004
    in einer Gaststätte Nähe Hauptbahnhof
    Augsburg

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    Ein Netz aus Fäden und Licht

    Geben und Nehmen ist das Gesetz,
    nach dem der Baum lebt vor deinem Haus.
    Wurzel und Astwerk halten einander die Waage.
    Jedes Blatt nimmt und gibt.
    Das ist das einfache Gesetz,
    dem das Leben gehorcht, solange es lebt.
    Wer das Netz sucht,
    das Netz aus Fäden und Licht,
    das uns auffängt und trägt
    die tragende Kraft unseres Vertrauens,
    der findet in der Kunst des Nehmens einen Faden,
    in der Kunst des Gebens einen anderen Faden.

    Jörg Zink

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© LAG 2004-04-23